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Spirituelle Ökologie - die Heiligkeit der Natur

Aktualisiert: 6. Okt. 2022

Dieser Artikel ist ein Reprint des Leitartikels aus der Ausgabe 4/2021 der Zeitschrift VISIONEN.


See im Gebirge, Natur als Erlebnis der Spiritualität


Sind Sie schon durch einen dichten Wald gegangen am Ufer eines Baches? Das Wasser plätschert und tanzt hie und da in einem Strahl der Mittagssonne. Sie kommen näher und verscheuchen eine kleine Forelle, die wie ein Funke zum anderen Ufer springt. Sie gehen weiter auf eine unberührte Wiese – ein grünes Meer bestreut mit Mohnblumen, Kamille und Hornklee. Sie bleiben stehen, schließen Ihre Augen und hören dem Flüstern der Natur zu. Die Zeit hält inne.


Die kürzeste Definition der Spirituellen Ökologie ist, die Natur mit den Augen der Seele zu sehen.


Ökologie und Seele


Die Bedeutung des Begriffs wird deutlicher, wenn man die beiden Worte einzeln betrachtet. Das Wort „spirituell“ kommt aus dem Lateinischen. Spiritus bedeutet eigentlich Lufthauch, etwas, das zwar kaum wahrnehmbar, nichtsdestotrotz vorhanden ist. Als Metapher wurde das Wort zur Bezeichnung dessen, was wir im Deutschen Seele nennen. Ob englisches spirit oder unsere Seele, im westlichen Kulturkreis bezeichnen sie das im Menschen, was nicht mit dem Körper stirbt. Wohlgemerkt: im Menschen, weil wir Seelen, falls wir ihre Existenz überhaupt eingestehen, als etwas ausschließlich dem Menschen Eigenes betrachten. Spirituelle Ökologie macht diese Einschränkung nicht. Sie stimmt fast allen anderen Kulturen zu, die das gesamte Leben, also auch in den Tieren und Pflanzen, als nicht auf den physikalischen Körper beschränkt ansehen. Das Leben an sich ist damit spirituell.


Das Wort Ökologie stammt vom griechischen oikos, das „Heim“ bedeutet. Ökologie bezeichnet also eigentlich das Wissen über unser Zuhause. Wir haben leider das Verständnis des Zuhauses auf unsere vier Wände aus Ziegelsteinen und Beton beschränkt. Unser wahres Heim ist jedoch die Natur. Wir können ohne ein Haus überleben, aber nicht ohne saubere Luft zum Atmen, sauberes Wasser und nichtverseuchtes Essen.


Spirituelle Ökologie bedeutet also eine Einstellung zur Natur, die das Leben nicht als auf die Materie beschränkt und nicht als bloße Ressource für den Menschen begreift.


Das Elend mit dem Materialismus


Das im Westen vorherrschende Weltbild ist strikt materialistisch. Alle Überzeugungen und Beobachtungen, die sich nicht durch physikalische oder chemische Prozesse erklären lassen, wurden aus der Wissenschaft bereits vor 300 Jahren verbannt. Innerhalb dieses Weltbildes wird das Leben als etwas betrachtet, das aus der Materie entstanden ist. Genauso erklären wir den Geist, also die Fähigkeit zu denken und zu fühlen. Gott und Seele sind in diesem Weltbild Fantasien. Weil die Wissenschaft immer recht hat, ist im 20. Jahrhundert Spiritualität auch aus dem gesellschaftlichen Leben endgültig verschwunden. Die christlichen Kirchen führen ein Parallelleben, das mit den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und praktischen Lebensentscheidungen der Menschen kaum etwas zu tun hat. Streng abgetrennt von dem vorherrschenden materialistischen Paradigma wird die Spiritualität im Rahmen der Meinungsfreiheit gerade noch geduldet. Versuchen Sie sie aber in die wissenschaftliche Diskussion oder in das politische Nachdenken über unsere Zukunft zu bringen. Es wird schnell leer um Sie herum. Auch die meisten Christen führen eine Art Doppelleben: Sie glauben zwar an Gott und an die Existenz der Seele, aber ihr tägliches Leben in der Gesellschaft, im Beruf und zu Hause verläuft abgetrennt von diesem Glauben.


Umweltschutz alleine wird die Natur nicht retten. Vielmehr muss sich unsere Sicht auf die Welt ändern.

Aus dem materialistischen Weltbild folgte außerdem die Auffassung, dass der Mensch und die Natur zwei verschiedene Sachen sind. Wir betrachten die Natur als etwas von uns Getrenntes und Fremdes. Wir ordnen sie unseren Zielen unter, wir benutzen sie. Solange wir sie nur dafür verwendeten, uns Essen und Obdach zu beschaffen und uns kulturell zu entfalten, ging alles noch gut, weil die Natur intakt und damit stark genug war. Aber als wir anfingen, sie als kostenlose Ressource für die Industrie zu benutzen, war das Gleichgewicht gestört. Die Industrialisierung unseres Lebens entfernte uns wiederum noch weiter von der intakten Natur.


Dass das falsch war, zeigen die Ergebnisse dieser rein materialistischen Auffassung: die Zerstörung der Natur mit ihren Folgen für die Biodiversität und das Klima, die Ausbeutung der Ressourcen der Erde, der Egoismus in der Wirtschaft, die Konsumsucht der Menschen, die Degradierung der Bildungsidee … Wenn wir Ökologie ernst nehmen, wenn wir gute Verwalter unseres kleinen Planeten sein wollen, müssen wir das materialistische Diktat beenden.


Warum eine andere Ökologie?


Die traditionell verstandene Ökologie birgt die Gefahr, dass wir unser Verhältnis zur Natur und unseren Lebensstil nicht ändern. Sie setzt sich dafür ein, dass wir die Zerstörung begrenzen, stellt aber das Verständnis der Erde und des Lebens als Ressource nicht infrage. Sie beschäftigt sich mit den Symptomen des Problems, nicht mit seinen Ursachen. Sie wird uns keine harmonische Koexistenz mit der intakten Natur bringen. Dauerhaftes Gleichgewicht mit allem Leben auf dem Planeten schaffen wir nur, wenn wir uns als einen Teil der Natur begreifen. Jemand, der die Natur als sein Zuhause betrachtet, wird sie nicht verschmutzen und die Wälder nicht in Brand setzen. Deswegen brauchen wir die Achtung vor allem Leben, das Verständnis für seine Heiligkeit. Heute sind wir bei unserer Betrachtung der Welt egoistisch und das wendet sich, wie immer bei Egoismus, gegen uns.


Wir brauchen die Achtung vor allem Leben und das Verständnis für seine Heiligkeit.

Wir müssen unsere Einstellung zur Natur ändern und die Konsequenzen für unseren Lebensstil ziehen. Unser Lebensstil folgt nämlich unseren Vorstellungen von dem, was wichtig und mit unserem Selbstverständnis im Einklang ist, was unbedingt schützenswert und damit heilig sein muss. Und das ist die Domäne der Moral und der Spiritualität, nicht der Naturwissenschaften, der Wirtschaft oder der Politik. Das, was uns heute heilig ist, beschränkt sich auf zwei Bereiche: den Menschen und (falls wir religiös sind) auf Gott. Was ist aber mit dem Rest der Schöpfung? Andere Kulturen betrachten die Welt mit gänzlich anderen Augen.


Annäherungspfade an die spirituelle Ökologie


Nehmen wir zur Illustration zwei Weltbilder aus anderen Kulturen: das der indigenen Völker und das des Vedanta.


Alle indigenen Völker haben ihre Zivilisationen im Einklang mit ihrer natürlichen Umgebung aufgebaut. Die Natur ist für sie die Mutter, die sie ernährt. Sie gibt ihnen alles, was sie zum Leben brauchen, und sie sind ihr dafür dankbar. Diese Dankbarkeit ist der Kern aller indigenen Kulturen. Die Menschen sind dankbar dem Fluss für sein Wasser und seine Fische, dem Wald für seine Pflanzen und Tiere, dem Feld für seine Früchte und Kräuter. Weil sie in der Natur leben, nehmen sie unmittelbar ihre Schönheit und Weisheit wahr. Sie fühlen sich mit der Erde und mit allen Pflanzen und Tieren verbunden. Sie achten alles Leben. Sie nehmen sich nur das, was sie wirklich brauchen, und achten darauf, dass das natürliche Gleichgewicht der Natur nicht gestört wird.


Die indigenen Völker erleben die Natur als ein Mysterium. Sie ist heilig. Man begegnet dem Heiligen mit Hochachtung und Liebe. Das Heilige bedeutet viel mehr als das mit den Augen Sichtbare und mit den Händen Greifbare. Die Naturvölker spalten die Welt nicht in die bloße Materie und das Bewusstsein. Sie ist für sie kein Gegenstand und deswegen auch keine Ressource. Sie ist beseelt und wird als eb