• Alan P. Stern

Politik und Zukunftsgestaltung


Es gibt drei Arten, Politik zu betreiben und damit drei Arten, Staaten zu führen.


Parlament vor der Sitzung zeigt Politik und Zukunftsgestaltung

Drei Arten von Politik


In der ideologischen Form setzen wir uns etwas in den Kopf und versuchen, es in die Realität umzusetzen. Diese Form kommt sehr oft vor. Die „Ideologie“ muss kein geordnetes System an Ideen sein. Manchmal ist es ein einziges Hirngespinst, das dann andere Ideen gebärt und in seinem Schlepptau führt.


Die zynische Politik bedeutet, dass eine Person oder eine Gruppe einfach nur Macht will. Wenn ihr das gelungen ist, dient alles, was sie tut und sagt, nur einem Ziel: an der Macht zu bleiben.


Wenn man die pragmatische Form der Politik betreibt, sieht man die Staatsführung als eine Aufgabe und versucht sie bestmöglich auszuführen. Das klappt natürlich nicht immer, man bemüht sich aber ernsthaft und versucht aus seinen Fehlern zu lernen. Das ist die seltenste Form der Staatsführung. Die Schweiz ist ein Beispiel dafür, dass dies über lange Zeiträume möglich ist. Auch die Deutschen haben sich in der Nachkriegszeit in diese Richtung entwickelt.


Diese drei Formen kommen in der Realität vermengt vor, wobei eine von ihnen immer dominiert. Die pragmatische Art, Macht auszuüben, ist die Voraussetzung für eine vernunftgeleitete, konstruktive Gestaltung des Staates und der Zivilisation.


Unser politisches System ist nicht darauf ausgerichtet, die Zukunft zu gestalten.

Warum haben auch die Bürger der Länder, die das Glück besitzen, dass pragmatische Frauen und Männer die Exekutive des Staates leiten, den Eindruck, dass die Regierungen die notwendigen Veränderungen scheuen? Unser politisches System erzwingt es. Wie jedes überdauernde System ist es so gestaltet, dass es stabil bleibt, sich also stets reproduziert.


Politiker gestalten die Zukunft nicht


Unsere Politiker gestalten nicht, sie managen. Das war in stabilen Umgebungsverhältnissen und in einem System, das gewünschte Ergebnisse hervorbrachte, auch gut so. In der Zwischenzeit haben sich die Rahmenbedingungen unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Handelns, unserer Zivilisation und Kultur verändert: Das System produziert jetzt viele unerwünschte Resultate. Es müsste verändert werden. Frau Angela Merkel ist ein gutes Beispiel einer klugen Politikerin aus der Vergangenheit. Ihre Bedeutung für Deutschland und Europa liegt in dem, was sie nicht getan hat. Ich habe zwar Achtung vor ihr, weil ich davon ausgehe, dass die Männer, die sie ersetzt hätten, mehr Schaden als sie angerichtet hätten.


Auf diese Weise können wir allerdings unsere Zivilisation, Demokratie und Kultur im besten Fall etwas verlängern. Retten können wir sie so nicht. Dafür werden wir ganzheitlich denkende Gestalter (Frauen und Männer) benötigen. Nach allem, was wir beobachten können, werden sie nicht aus den heute etablierten Parteien kommen.


Politiker sind Kinder des derzeitigen Systems


Gestalten bedeutet, bewusst, geplant, in Schritten ein System neu zu entwerfen, nachdem man den Status quo gedanklich fallen gelassen hat. Dieses Gestalten erfordert eine andere Art von Denken, das Denken in Systemen. Unsere Vertreter sind Kinder des bestehenden Systems. Sie denken, wie die Mehrheit der Bürger denkt, und sie stellen das System, das sie zur politischen Macht gebracht hat, nicht infrage, weil sie möchten, dass es sie in wenigen Jahren wieder in diese Position bringt. Wenn unter diesen Bedingungen eine einzige Frau oder ein einziger Mann an der Spitze des Staates doch auf die Idee kommt, das System anhand ihrer Überzeugung oder seines Bauchgefühls grundsätzlichen Veränderungen zu unterwerfen, führt das meistens zu einer Katastrophe.


Gestalten erfordert ein anderes Denken und anderes Vorgehen. Diese müssen gelernt werden.

Wir sollten uns vor Augen führen, dass die moderne westliche Demokratie gar nicht selbstverständlich ist. Sie entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Sozialstaat, der soziale und der internationale Frieden sind genauso wenig selbstverständlich. Es gibt und es wird immer Kräfte geben, die jede Gelegenheit nutzen, die wir ihnen geben, um diese Errungenschaften zu zerstören.


Diese Errungenschaften müssen nicht nur verteidigt, sondern immer wieder auf neu aufgebaut und stark gemacht werden. Deswegen müssen wir bei allen Wahlen darauf achten, dass unsere Vertreter die Demokratie und den Frieden auch wirklich wollen. Wir lassen uns schnell durch partielle Vorschläge zu scheinbar dringenden aktuellen Problemen mitreißen und prüfen vielleicht gar nicht, ob diejenigen, die diese Vorschläge machen, bei den Grundfragen der Gesellschaft und der Zivilisation das Modell der Demokratie und des Sozialstaates wirklich im Sinne haben.


Letztendlich werden wir allerdings gänzlich neue Politiker brauchen, Menschen, die in Systemen denken und die gelernt haben, komplexe soziale Systeme zu gestalten.




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