• Alan P. Stern

Was können wir von Bharata lernen?


Bharata ist der eigentliche Name Indiens und wir nutzen ihn hier, um uns gedanklich von dem, womit wir das heutige Indien assoziieren, zu lösen und uns auf das Wesen, das Beste der dortigen Kultur zu beziehen.


Indische Kinder lernen Demut.


Demut


Die Kultur des indischen Subkontinents, und besonders ihr spiritueller Kern, ist auf Demut aufgebaut. Dieses Ideal können wir im Westen nur schwer nachvollziehen. Wir verbinden Demut mit Unterwerfung und sehen darin eine Beschränkung unserer Individualität. Was im Land des Yogas darunter verstanden wird, hat etwas mit der Bereitschaft zu lernen, mit der Offenheit für andere Menschen, mit der Anerkennung der Größe der Schöpfung und mit der Einsicht eigener Unzulänglichkeiten zu tun.


Ein Sprichwort in Sanskrit sagt: „Ein mit Früchten beladener Baum verbeugt sich; ein ausgetrockneter Stock verbeugt sich dagegen nie.“ Die so verstandene Demut ist die Voraussetzung der inneren Entwicklung des Einzelnen und des Friedens zwischen den Menschen. Demut und die Überwindung des Egos bezeichnen denselben Zustand des Geistes und Herzens. Sie macht stark.


Wir haben in unserem Kulturkreis einige Werte, die uns Zugang zur so verstandenen Demut erlauben: Neugier und die Offenheit für neue Ideen oder Verantwortungsbewusstsein. Wir müssten die Demut nur schätzen lernen und in den Kanon unserer Grundwerte aufnehmen.

Warum sollen wir das tun? Weil wir ohne sie die Natur zerstören und ihre Ressourcen vernichten werden. Weil wir ohne Demut um die Reste dieser Ressourcen kämpfen und töten und getötet werden. Weil wir ohne Demut das Ziel unserer Existenz, das Wachsen in der Menschlichkeit, nicht erreichen können.


Die Probleme, die vor uns stehen, werden wir nur dann meistern, wenn wir Demut lernen.

Ein anderer westlicher Wert ist eng mit der Demut verwandt: das Pflichtbewusstsein. Es ist eine Eigenschaft und Fähigkeit des Gewissens – wenn man nur aufrichtig auf es hört, weiß man immer, welches Handeln richtig und welches angemessen ist. Je reiner die Organe des Geistes*, umso zuverlässiger die innere Stimme.


Was uns Bharata ergänzend sagt, ist, dass wir keinen Frieden haben können, wenn wir unser Pflichtbewusstsein nicht auch nach innen wenden. Wollen Sie Frieden in der Gesellschaft, in der Welt? Dann erreichen Sie Frieden in sich selbst. Es gibt keine andere Methode. Der Frieden in der Welt wird uns nicht geschenkt, noch kann man ihn mit den anderen aushandeln. Er ist das Ergebnis einer harten Arbeit und sie findet im Geist und im Herzen eines jeden von uns statt.


Das Pflichtbewusstsein hat unter den westlichen Werten einen festen Platz. Es ist ein Pfeiler der christlichen Kultur, ganz besonders der evangelischen. Demut ist einfach seine ältere Schwester, die wir in den Schoß der Familie holen müssen.


Arbeite an dir selbst


Die bharatische Philosophie hat eine zweite wichtige Lektion für uns. Unserem christlich geprägten Weltbild liegt, vereinfacht gesprochen, die folgende Grundeinstellung zugrunde: „Wenn ich brav bin, gehe ich in den Himmel; wenn ich mich an die Regeln halte, muss ich an mir nicht viel arbeiten – Gott hat für mich die Arbeit bereits erledigt. Ich muss auch nichts aufgeben – wenn ich sonntags in die Kirche gehe, bin ich à jour.“


Yoga sagt uns aber: „Höre auf, dich zu belügen – deine Begierden, deine emotionelle Anhaftung führen dich hinters Licht. Du bist abhängig vom Verlangen deiner Sinnesorgane und von den Begehrlichkeiten deiner Organe des Geistes – sie halten dich gefangen. Wenn du frei sein willst, löse dich davon. Das bedeutet viel Arbeit und du musst sie tun. Wenn du alles gegeben hast, wirklich alles, macht Gott den Rest für dich.“ Kurz gesagt bedeutet diese Grundeinstellung: Arbeite an dir selbst.


Unsere wichtigste Arbeit findet in unserem inneren Universum statt. Und nur wir selbst können sie errichten.

Warum sollen wir das tun? Warum sollen wir uns grundsätzlich ändern und unseren Geist auf Kosten unseres Vergnügens und der Befriedigung unserer Zuneigungen entwickeln? Weil uns unsere Sinnesbefriedigung und unsere Gier in eine Welt führen, in der wir nicht leben wollen: die Welt des ausufernden Konsums, der Seichtheit, des Verdrängungswettbewerbs, des Eigennutzes und letztendlich der Gewalt. Weil wir ohne das Wachsen im Geist, im Herz, in der Seele nicht glücklich werden.


* Für die Erklärung der Organe des Geistes möchte ich auf mein Buch "Redesigning Civilization, Wie erschaffen wir die westliche Zivilisation neu?" verweisen.


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