Spirituelle Bildung

Aktualisiert: März 15

Wir verbannten das Heilige, das Spirituelle, das tief Menschliche aus unserer Bildung. Die Bildung folgte damit der Wissenschaft und der westlichen Kultur, die nur das Materielle anerkennen. Die Zerstörung, die wir der Natur zugefügt haben, ist nicht zuletzt das Ergebnis dieses Denkens. Wenn die Natur als ein Gegenstand, eine Ressource der Wirtschaft betrachtet wird, wird sie verbraucht. Wenn die Befriedigung der materiellen und geistigen Bedürfnisse der Menschen als das einzige Ziel der Zivilisation gilt, schrumpft die Kultur auf das Nützliche und Angenehme. Damit grenzt man die wichtigste Dimension des menschlichen Lebens aus dem gesellschaftlichen Geschehen aus.


Ich möchte mit diesem Beitrag das Nachdenken über die Bildung des Geistes um den spirituellen Aspekt ergänzen.


Altindische Skulptur als Symbol für spirituelle Bildung. Vedanta und Buddhismus lehrt uns praktische Spiritualität.

Warum Spiritualität?


Die Säkularisierung unserer Kultur und unseres gesellschaftlichen Lebens war einmal eine gesunde Reaktion auf den Missbrauch der Religion durch die Kirche. Mit der Religion haben wir allerdings auch die Spiritualität von uns geschoben, weil die Kultur der Spiritualität innerhalb der Kirche nicht stark genug war, um auf die Laien auszustrahlen.


Dadurch entstand eine enorme Ungleichheit: Nur der materielle Aspekt unseres Wesens (der Körper und das Denken) wurde hochgehalten und bestimmte damit die Entwicklung unserer Zivilisation. Das führte zur Verstärkung der Eigensucht und zum Schauspiel der Macht und Habsucht. Fleiß wird zwar für gut befunden, aber nicht die Selbstdisziplin; körperliche Gesundheit, aber nicht die geistige Hygiene. Als Resultat entwickelte sich in unseren Gesellschaften Egoismus anstelle inneren Friedens und Menschenliebe. Spiritualität ist nicht zuletzt die im Inneren angewandte Ethik und sie bildet damit die Basis für die äußere Moral.


Auf diese Weise ist im Westen die Spiritualität verkommen. Die gegenwärtige Reaktion darauf ist das wachsende Interesse an anderen Religionen, an Yoga und Meditation. Auch das Interesse der Christen an der praktischen Spiritualität nimmt allmählich zu. Wir brauchen sie. Warum ist das so?


Praktische Spiritualität


Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir es entschieden betonen: Spiritualität ist etwas Praktisches und hat mit Esoterik und Aberglaube nichts zu tun! Im Gegenteil: Das Vertreiben der Dunkelheit des Aberglaubens und der Einbildung ist ihre Vorbedingung. Deswegen ist die Bildung des Geistes eine Voraussetzung für die Bildung der Seele. Später auf dem Weg werden auch alle Spekulationen fallen gelassen und die Welt, die äußere wie die innere, erschließt sich durch die direkte Erfahrung, um sich endgültig zu erhellen.


Spirituell ist jemand, der seine Aufmerksamkeit und sein ernsthaftes Bemühen nach innen richtet, um sein wahres Ich zu erkunden.

Praktische Spiritualität sind also keine Rituale oder Übungen und keine Texte – sie ist innere Erfahrung. Weil wir im Westen so wenig über praktische Spiritualität wissen, müssen wir uns sorgfältig vor Hochstaplern schützen und unsere spirituelle Bildung vor ideologischem Missbrauch sichern. Weil aber die praktische Spiritualität auch eine Einstellung zu den anderen und zu der Welt einschließt, die durch Demut, Sanftmut, Tugend und Verantwortungsbewusstsein gekennzeichnet ist, lassen sich Hochstapler bei sachlicher Betrachtung unschwer demaskieren. Auch gut meinende Helfer, die sich als Lehrmeister ausgeben, aber die Wahrheit nicht aus der direkten Erfahrung kennen, müssen sorgfältig gemieden werden. Menschen mit Halbwissen sind gefährlicher als die ganz ignoranten, wenn sie sich als Kenner ausgeben.


Die praktische Spiritualität beinhaltet das Lernen der Konzentration, so wie das durch Yoga und Meditation erreicht wird. Sie enthält Selbstdisziplin, Leben im Einklang mit moralischen Werten und Aufrichtigkeit. Es gibt zwei Arten von Konzentration: die Konzentration auf die Arbeit (die körperliche, aber vor allem die geistige) und die Konzentration auf sein Inneres. Die Erste ist für die heutigen Kinder und Jugendlichen nicht mehr selbstverständlich und muss deswegen auf dem Plan der Bildung des Geistes ihren Platz finden. Die Übung der Zweiten ist die wichtigste Aufgabe der spirituellen Bildung.


Meditation


Ohne die Kontrolle eigenen Denkens und Fühlens ist andauerndes Glückgefühl nicht möglich. Das eigentliche Ziel der praktischen Spiritualität ist das Erringen dieser Kontrolle. Auf der Bühne unseres Geistes spielt sich einiges ab, was uns den Zugang zu der objektiv existierenden äußeren und inneren Realität versperrt. Dort hält das Ich-Bewusstsein seine prahlerischen Vorstellungen ab. Dort werden unser konzentriertes, sachliches Denken und der Wille durch einen ununterbrochenen Fluss an Gedanken nahezu ununterbrochen weggedrängt.


Derselbe menschliche Geist besitzt allerdings auch die Fähigkeit zur Konzentration. Sie ist der Schlüssel zur erfolgreichen intellektuellen Arbeit, zum ausgebildeten Charakter, zur produktiven Interaktion mit anderen sowie zum inneren Wachstum. Die effektivste Methode, diese Konzentration zu üben und diese Kontrolle zu erlangen, ist Meditation. Sie unterstützt die praktische und die geistige Bildung. Sie eröffnet das Tor zum Wachsen in Menschlichkeit.


Die Entwicklung des Menschen baut auf Konzentration, Selbstreflexion, Ausgeglichenheit und Meditation auf.

Kopernikanische Revolution


Die praktische Spiritualität schließt das Verständnis des Lebens als etwas Heiliges ein, ist also ein Gegenentwurf zum unreflektierten Egozentrismus. So verstandene Spiritualität nimmt das Ich aus dem Zentrum des Universums und stellt den Schöpfer auf den frei gewordenen Platz. Das ist eine kopernikanische Revolution. Daraus, dass sich das Ich jetzt um seinen Schöpfer dreht und nicht umgekehrt, folgt, dass Gott keine Idee, keine Vorstellung, keine Religion, kein Text, keine Form und kein Name mehr sein kann, weil wir dann anstelle der sphärischen Harmonie nur Streit hätten, welche Vorstellung die richtige sei.


Diese Spiritualität ist eine grundsätzlich andere Einstellung zur Welt, die Anerkennung dessen, dass es etwas Wichtigeres, Heiligeres als uns selbst gibt, dass wir die Welt nicht besitzen, dass wir in ihr nur Mieter sind und als Mieter bestimmte Pflichten haben und uns an bestimmte Regeln halten müssen. Der Weg zu dieser Spiritualität führt immer durch das Innere des Menschen und bedeutet Arbeit, lebenslange Arbeit. Diese Arbeit wird enorm erleichtert, wenn sie schon im Kindesalter eingeleitet wurde. Unsere Bildung muss diesen Weg aufzeigen, muss Hilfe bieten. Sie muss lehren, welche Instrumente, welche Vehikel es auf diesem Weg geben kann. Weil Lernen immer die Praxis einschließt, muss diese Spiritualität auch geübt, praktiziert werden.


Spiritualität ist nicht Glaube


Dafür ist es nicht notwendig, dass man an Gott glaubt. Buddha sprach nie über Gott. Bei der praktischen Spiritualität geht es sowieso nicht um den Glauben, sondern um Erfahrung. Es reicht, wenn man es gedanklich zulässt, dass es etwas gibt, was uns übersteigt, was reiner als unser eigenes Bewusstsein und kraftvoller als unsere eigene Lebenskraft ist, was wir zwar nicht mit unseren technischen Instrumenten messen können, was aber nichtsdestotrotz existieren kann.


Auch wenn wir nicht an den Schöpfer glauben möchten, können wir uns trotzdem entscheiden, diese Einstellung anzunehmen oder wenigstens zuzulassen, weil es uns vernünftig erscheint, weil es in der Welt Gutes bewirkt. Ebenso können wir anerkennen, dass eine so verstandene spirituelle Erziehung als Ergänzung zu unserer heutigen Bildung notwendig ist.


Rein praktisch betrachtet bietet spirituelle Bildung Hilfe beim Erlangen der bewussten Kontrolle des Individuums über seine Organe des Geistes (über die einzelnen Organe des Geistes und die Integration der praktischen Spiritualität in die westliche Kultur können Sie in dem Buch „Redesigning Civilization, Wie erschaffen wir die westliche Zivilisation neu?“ im Detail nachlesen). Dadurch erlangen wir die Kontrolle über das, was und wie wir denken, reagieren und agieren, was uns und zu welchem Handeln bewegt. Wenn wir unseren Geist nicht unter Kontrolle haben, wenn wir nicht Frau oder Herr über unsere Gedanken, Emotionen und Reaktionen sind, bringt das Chaos und Desaster in unser Leben.


Die geistige und die spirituelle Bildung gehören also zusammen und verstärken sich gegenseitig. Sie unterstützen das Verständnis des Denkens und Fühlens einerseits und die Kontrolle darüber andererseits.


Spirituelle Bildung ergänzt die geistige Bildung. Sie hilft ganz praktisch dem jungen Menschen, der Herr im Haus seines Geistes zu werden.

Hygiene des Geistes


Wir bringen unseren Kindern bei, wie sie ihre Körper sauber halten, geben ihnen aber keinerlei Hilfe, wenn es darum geht, ihre Gedanken und Gefühle sauber zu halten. Im Gegenteil, wir überlassen sie der ununterbrochenen Überflutung durch – noch vor fünfzig Jahren unvorstellbaren – Mengen an Bildern, Aufforderungen zum Handeln, Stimuli, die zu Emotionen führen. Sie werden regelrecht mit Müll überschüttet, ohne dass sie überhaupt eine Chance haben, mit diesem Müll fertigzuwerden – sie haben keine Instrumente, keine Methoden, nicht mal ein Beispiel, nicht mal einen Hinweis, dass das, was mit ihnen geschieht, gefährlich ist.


Warum? Weil wir als Eltern, als Lehrer diese Methoden und Instrumente auch nicht kennen und, falls doch, bei der Erziehung nicht anwenden. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Wir Menschen haben uns daran gemacht, die Natur zu verbessern, wir maßen uns an, zu bestimmen, wie die Welt aussehen soll, haben aber keine Macht über unsere eigenen Gedanken und Emotionen! Dass das ins Chaos führen muss, liegt auf der Hand.


Das Wachsen des Menschen


Das Resultat der spirituellen Praxis ist ein Wachsen im Herzen und im Bewusstsein, im Mitgefühl und in der Gewaltlosigkeit, in der Klarheit im Denken und in Ausgeglichenheit, Toleranz und Stärke. Um dieses Wachsen geht es. Dieses Wachsen kann man nicht unterrichten, nicht mal lernen. Die Menschen wachsen von alleine, wenn die Bedingungen dafür günstig sind. Es ist ein Gesetz der Schöpfung. Man kann aber den heranwachsenden Menschen das Ziel aufzeigen, die Methoden erklären und anhand konkreter Praxis verständlich machen und üben helfen. Man kann die Kinder und Jugendlichen auf dem schwierigen Weg der Selbstdisziplin und ernsthafter Anstrengung in ihrem Inneren unterstützen. Man kann sie bei ihrem Wachsen liebevoll begleiten. Das sind die Aufgaben der spirituellen Bildung.


Das altindische, vedische Konzept der Bildung enthielt drei Schritte. Zuerst hört der Schüler zu, wenn der Lehrer einen bestimmten Wissensgegenstand oder eine Wahrheit erklärt. Dann beschäftigt er sich gewissenhaft und andauernd mit dem Gelernten. Zum Schluss meditiert er darüber. Während all dieser Schritte begleitet ihn der Lehrer aufmerksam. Erst mit der Wahrheit, die der Schüler nach dem dritten Schritt für sich selbst herausfindet, ist der Prozess zu Ende. Damit sind praktisches, geistiges und spirituelles Lernen drei Schritte, die aufeinander aufbauen können.


Menschen, die ihr Denken, ihre Emotionen, ihr Verhalten und Handeln aktiv beobachten und bewusst beeinflussen, Menschen, die lernen, ihren Geist gekonnt zu benutzen und die Stimuli der Sinnesorgane bewusst zu betrachten, sehen nicht nur die Welt so, wie sie wirklich ist, sondern werden in ihrer Persönlichkeit und in allen Bereichen des Lebens gefestigt. Menschen, die lernen, ihr Inneres Universum zu erforschen, über die Werte und Wahrheiten zu kontemplieren und zu meditieren, finden inneres Gleichgewicht. Sie werden willensstark, standhaft und haben Charakter.


Ernsthafte Spiritualität stärkt die Menschen und bildet in ihnen das Mitgefühl, die Rücksicht und den Charakter aus.

Starke Menschen stärken die Gesellschaft. Menschen, die sich ihren eigenen Impulsen und den Impulsen aus ihrer Umgebung unreflektiert aussetzen, schwächen sie. Eine substanzielle Veränderung in der Gesellschaft kann nur mit Selbstverantwortung, Selbstdisziplin, Kontrolle über das Denken und bewusster Arbeit am eigenen Charakter gelingen und diese können durchaus innerhalb des Bildungssystems gelehrt werden.


Unabhängig davon: Das Leben jedes einzelnen von uns kann nur durch die harmonische Entwicklung des Geistes und der Seele erfüllt und glücklich sein. Wir brauchen beides gleichermaßen: die Bildung des Geistes und die spirituelle Bildung. Die geistige Bildung lässt in dem Menschen Edelkristalle heranwachsen, die spirituelle ist das Schleifen und Polieren dieser Kristalle zu Schmucksteinen, zu Rubinen und Brillanten.