• Alan P. Stern

Bildung des Geistes

Das eigentliche Ziel der Bildung, das Wichtigste, was die Erwachsenen den heranwachsenden Menschen vermitteln und was sie in ihnen festigen können, ist das Verständnis der jungen Menschen dafür, welchen Zweck ihr Leben hat.




Lebensentwürfe


Auf dem Boden unseres Individualismus ist die heute herrschende Vorstellung entstanden, dass die Eltern alleine bestimmen, wie ihre Kinder gebildet und erzogen werden. Praktisch bedeutet das, dass wir als Eltern den Kindern im besten Fall die Werte und Beispiele mitgeben, die unser eigenes Denken bestimmen: gegenwärtig in der Regel, dass sie viel Geld verdienen sollen, um viel konsumieren zu können. Die Gesellschaft muss das Recht bekommen, der heranwachsenden Generation Verhaltensweisen, Werte und Lebensentwürfe aufzuzeigen. Die jungen Menschen werden später selbst entscheiden können, welchen Lebensentwurf sie zu ihrem eigenen erklären, aber sie müssen eine gute Basis für diese Entscheidung erhalten, und zwar alle jungen Menschen unabhängig davon, was ihre eigenen Eltern denken. Eine bewusste und faire Vorbereitung auf diese Entscheidung sollte als ein wichtiges Bildungsziel verstanden werden.

Verlorene Säule der Bildung


Bildung sollte aus drei Teilen besteht: dem Praktischen, dem Geistigen und dem Spirituellen. Mit der praktischen Bildung haben wir am meisten Erfahrung, deswegen beschäftige ich mich hier nicht mit ihr. Die zwei anderen Bereiche der Bildung bedürfen einer Erklärung.

Zwei wichtige Aspekte der geistigen Entwicklung des Menschen sind die Bildung der Vernunft und das Verständnis der Funktionsweise des menschlichen Geistes.

Die Vernunft bildet man nicht durch Wissen, sondern durch die Übung in Verständnis. Die praktische Übung im Verständnis ist deswegen der wichtigste Bestandteil der Bildung des Geistes. Dazu gehören das differenzierte Denken und das Werkzeug der Logik. Betrachtung der Welt als ein komplexes Ganzes, das aus Systemen besteht, entwickelt beides in besonderem Maße. Das Wissen über komplexe soziale Systeme und seine praktische Nutzung müssen deswegen ausreichend Platz im Schulprogramm finden. Die Anwendung des so erlangten Verständnisses in der Praxis, also bei der Lösung von Aufgaben und Problemen und beim Fällen von Entscheidungen, entwickelt die Vernunft nachhaltig.


Um unsere Probleme zu lösen, brauchen wir Menschen, die logisch, sachlich und objektiv denken. Der beste Ort, um solches Denken zu üben, ist die Schule. Die geistige Bildung darf nicht weiter in den Curricula schrumpfen.

Methodisch sauberes Denken kann man beim Studium der Philosophie und Moral genauso gut wie bei der Lösung von naturwissenschaftlichen Aufgaben lernen. Von entscheidender Bedeutung ist, dass es interessant ist und dass es in der Praxis angewandt, also geübt, wird. Wir brauchen in der Gesellschaft ein Ethos der Sachlichkeit und Pragmatismus bei der Anwendung unseres Geistes zur Lösung von unseren individuellen und von unseren gemeinsamen Aufgaben und Problemen. Die Schule ist der beste Ort, um dieses Ethos aufwachsen zu lassen.

Training des Geistes


So wie man den Körper durch Bewegung, durch Übung entwickelt und gesund hält, muss man auch den Geist und den Willen gezielt üben. Dazu gehören das Training im konzentrierten Arbeiten, bewusste Beobachtung der aufsteigenden Gedanken und Emotionen verbunden mit der Auslese der guten und positiven, geistige Disziplin, die dazu führt, dass man zu unerwünschten Lüsten oder Ideen nein sagen kann, oder Ruhephasen ohne Arbeit und ohne viele Reize der Sinnesorgane. Wir haben wenig Kontrolle darüber, was uns begegnet, aber wir können uneingeschränkt darüber bestimmen, wie wir darauf reagieren. Das sind Übungen, die ihren Platz im Schulalltag finden sollen.


Die Kinder werden gelehrt, wie sie ihren Körper sauber und gesund halten. Aber niemand spricht mit ihnen über die Hygiene des Geistes. Sie ist heute viel wichtiger, weil wir seit dem frühesten Kindesalter ununterbrochen mit Müll und Schmutz aus den Medien überschüttet werden.

Diese Selbstdisziplin im Denken ist im Kindes- und Jugendalter sehr schwierig. Umso wichtiger ist es, dass die Kinder und Jugendlichen damit in Berührung kommen und Methoden und Techniken lernen, die ihnen Zugang zur geistigen Hygiene öffnen. An dieser Stelle ergänzen sich die geistige und die spirituelle Bildung und unterstützen sich gegenseitig.

Zur Bildung des Geistes gehört auch das Wachsen im Herzen. Mit dem Herz verstehe ich den Zugang zu den tieferen Schichten unserer Menschlichkeit, der durch egoistisches Denken und unkontrollierte Emotionen des menschlichen Geistes versperrt werden kann. Durch Selbstreflexion kann man versuchen, seine Gefühle bewusst zu beobachten und sich über ihre Güte bewusst zu werden. Auch Mitgefühl für die Mitmenschen und für das Leben insgesamt kann gelernt und praktiziert, also gebildet werden. Zur Bildung des Herzens ist die Interaktion mit anderen notwendig. Gemeinsames Arbeiten an realen und praktischen Aufgaben bietet dafür die beste Grundlage.

Digitalisierung oder Kultur?


Unsere Kultur ist unser eigentliches Kapital und langfristig betrachtet unsere eigentliche Stärke. Morgen kann ein anderes Land reicher oder technologisch dynamischer werden. Eine Zivilisation hat dauerhaft Bestand, wenn ihre Kultur stark ist, nicht weil sie viel Besitz ansammelt oder große Armeen unterhält.


Diese Kultur erneuert sich oder stirbt im Kindes- und Teenageralter. Sie erneuert sich, wenn die Kinder Literatur lesen und schreiben, wenn sie Wissenschaft betreiben, wenn sie sich mit schönen Künsten beschäftigen, wenn sie eine Beziehung zu klassischer Musik aufbauen, wenn sie bei gemeinsamem Handeln gegenseitigen Respekt, Mitgefühl und Moral üben. In was investieren wir in den Schulen stattdessen? In die Digitalisierung. Alle Kinder, die in die Grundschule kommen, können einwandfrei mit einem Smartphone umgehen. Sie wissen aber weder, wie sie mit anderen etwas friedlich zusammen tun können, noch woher ihr Essen kommt.


Die Investition in die Digitalisierung ist eine Investition in die Wirtschaft und nicht in die junge Generation.

Wir nehmen uns aber trotzdem vor, sie noch mehr den neuen Medien auszusetzen. So wie man am Beginn der Industrialisierung zwölfjährigen Kindern, denen man die Bildung verweigert hatte, das Bedienen von Maschinen beibrachte, will man ihnen heute die Bedienung von Computern beibringen, damit sie möglichst früh und möglichst effizient zu Informationsarbeitern unserer Informationswirtschaft werden. Als Gesellschaft instrumentalisieren wir unsere eigenen Kinder. Hier ist ein Umdenken bitter nötig.

Die Bildung des Geistes ordnet unsere Inneneinrichtung und macht sie gut nutzbar. Sie bildet in uns die Fähigkeit, die Realität von der Illusion, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Für die Ruhe, den Frieden und die Stärke des Geistes brauchen wir die spirituelle Bildung.

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