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Advaita Vedanta und die Zukunft der Zivilisation

Aktualisiert: 26. Mai


Was wir glauben, wertschätzen und wollen, bestimmt über unser Handeln und erschafft damit auf längere Sicht unsere Zivilisation – die Welt, in der wir leben. Wenn wir wirklich eine andere Welt wollen, müssen wir zuerst umdenken.



Erdkugel mit einem Setzling


Das unhaltbare Weltbild


Es ist faszinierend, wie das Leben im Erdreich sich organisiert hat. Die mykorrhizalen Netzwerke aus Pilzfäden sind ein gutes Beispiel. Ihre Komplexität übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Sie verbinden Bäume und alle anderen Pflanzen zu einem Wald und transportieren Stoffe und Informationen genau dorthin, wo sie gerade am meisten gebraucht werden. Die einzelnen Pflanzen in diesem Netzwerk geben an die Gemeinschaft das ab, was sie selbst nicht unmittelbar benötigen, was aber den anderen gerade fehlt, und warnen andere Pflanzen vor Gefahren, wie beispielsweise Krankheitserregern, sodass diese ihre Abwehrkräfte rechtzeitig aktivieren können. Die Wissenschaftler, die diese Netzwerke untersuchen, sehen die Intelligenz, die dort am Werke ist, mit Bewunderung und Ehrfurcht an.


Wenn wir unsere anthropozentrische Betrachtungsweise (man könnte sie genauso gut als Arroganz und Einbildung bezeichnen) ablegen, sehen wir diese Intelligenz in allen lebenden Organismen, von der Bakterie bis zum Menschen, vom Ameisenhaufen bis zum gesamten Planeten. Die Naturwissenschaftler in vielen Wissensgebieten kommen heute zu der Feststellung, dass die Intelligenz, ja die Weisheit, mit der das Leben und die Systeme der Erde sich selbst organisieren, entwickeln, miteinander interagieren, alles übersteigen, was wir uns vorstellen oder nachmachen können. Je weiter die Forscher vordringen, desto größer die Komplexität und Klugheit dessen, was sie entdecken, desto unerklärlicher die Intelligenz, die sich ihren Augen und Messinstrumenten präsentiert. Wie sie zustande kommt, wissen sie nicht.


Die Wissenschaftler ergänzen diese Aussage hastig mit der Zauberformel: noch nicht. Noch wissen wir nicht, wie das Leben oder das Bewusstsein entstanden sind. Noch verstehen wir nicht, wieso in einem Ökosystem die einzelnen Pflanzen im Sinne der Gemeinschaft handeln. Wenn wir aber unsere Forschung fortsetzen, werden wir sicher irgendwann alles in der Natur und im Menschen auf der Basis der Naturwissenschaften erklären können. Es ist doch alles bloß Materie, die 118 Elemente des Periodensystems, die vier Kräfte der Gravitation, des Elektromagnetismus, der starken und schwachen Wechselwirkung, nicht wahr?


Mit dem Noch-nicht-Mantra lässt sich das materialistische Weltbild aus jeder Sackgasse herüberretten. Auch ich habe es jahrzehntelang getan. Heute weiß ich, dass wir die fehlenden Antworten nur finden, wenn wir die fehlende Dimension in das Koordinatensystem des wissenschaftlich geprägten Weltbildes aufnehmen. Die Intelligenz ist nämlich nicht das Produkt der Komplexität des Lebens, sondern ihre Voraussetzung. Die Weisheit, die Wahrheit, die Perfektion sind kein Ergebnis der Evolution des Universums und der Erde, sondern ihre Ursache. Sie gehören ins Betrachtungsfeld. Wir haben vor etwa 300 Jahren eine Täuschung, eine Lüge über Gott durch eine andere Täuschung, eine andere Lüge über die Welt ersetzt. Das wäre eine Ansichtssache – Menschen und Kulturen dürfen in Täuschung leben, wenn sie es wollen. Das Problem mit unserer Weltanschauung, die alles auf die Materie reduzierte, ist nur, dass sie zu der heute so offensichtlich gewordenen Zerstörung des Lebens auf dem Planeten führt. Wie müssen also dringend umdenken.


Quantensprung von der Materie zum Bewusstsein


Im lebenden System der Erde ist alles mit allem verbunden, alles hat seinen Platz und spielt seine Rolle. Es ist ein Ganzes, das perfekt seine Aufgabe erfüllt: die Entwicklung des Lebens. Außerdem verkörpert es Schönheit und Weisheit in einem Ausmaß, das uns immer wieder aufs Neue sprachlos macht. Es kann einfach kein Ergebnis des Zufalls sein. Die modernen Systemdenker begründen diese Weisheit und Schönheit mit der wachsenden Komplexität des Systems Erde – sie gehen einfach mit der fortschreitenden Selbstorganisation innerhalb des Systems einher. Für diese Selbstorganisation haben die Wissenschaftler jedoch keine Erklärung, nur Beobachtungen. Erklärungen lassen sich in sozialen Systemen finden – die Selbstorganisation setzt autonomes, bewusstes Handeln der Systemelemente voraus. Deswegen analysiert man sie in menschlichen Systemen. Seitdem wir auch den Tieren bewusstes Handeln zustehen, können wir unsere Erklärungsversuche auch dorthin übertragen. Aber Pflanzen, Pilze, Bakterien, die die Basis der Ökosysteme bilden – wie kommt die Selbstorganisation hier zustande? Sie braucht zwar keinen Plan – darin haben die Systemwissenschaftler recht –, wohl aber bestimmte Regeln. Ein Materialist stoppt hier. Was aber sind Regeln? Wenn man nichts außer Materie zur Erklärung der Welt hat, sagt man so etwas wie: „Nun ja, sie sind einfach da.“ Ein Philosoph rauft sich da die Haare: „Was ist das für eine Erklärung? Du hältst bei deinem Denken auf halbem Weg an.“ Regeln sind Geist, Bewusstsein.


Die logischste Erklärung der Entwicklung des Ökosystems Erde ist, dass ihr Bewusstsein zugrunde liegt. Bei der fortschreitenden Komplexität dieses Ökosystems manifestiert sich das Bewusstsein zunehmend. Um Johannes zu paraphrasieren: Am Anfang war Bewusstsein, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist. Am Ende steht ebenfalls Bewusstsein: als Licht der Menschen. Die dazwischenliegende Entfaltung folgt Regeln, also dem Bewusstsein. Das ist der Grund, warum im lebenden System der Erde alles ineinandergreift. Das ist der Grund, warum das Ergebnis Schönheit, Harmonie und Weisheit sind.


Das wussten alle Völker, die in der Natur lebten, auch wenn sie es manchmal mit anderen Worten ausdrückten. Für alle indigenen Kulturen sind Tiere und Pflanzen Verwandte, Teil der Großfamilie des Waldes oder der Savanne. Ihre Metaphern spiegeln das Verständnis einer intelligenten und ethischen Welt wider. Sie verkörpern seit vorgeschichtlichen Zeiten ein Weltbild, das auch heute noch zu einer nachhaltigen Zivilisation führen würde. Es ist aber unrealistisch anzunehmen, dass sich die moderne, außerhalb der Natur lebende westliche Gesellschaft mit der Begründung für diese Denkweise zufriedengibt. Die Vorstellung, dass der Baum und der Adler unsere Verwandten innerhalb der Großfamilie des Lebens sind, kann vielleicht unsere emotionale Ebene ansprechen – einiger von uns. Gefühle sind aber nicht gut dafür geeignet, dauerhafte Verhaltensänderungen zu begründen. Das Umdenken muss auch die intellektuelle und die ethische Ebene erfassen. Die ethische kann zwar durchaus von Gefühlen befruchtet werden. Aber Gefühle kommen und vergehen. Sie sind kein belastbarer Unterbau für dauerhafte Veränderungen im Denken und Verhalten. Die Moral muss außer im Herzen auch im Intellekt verwurzelt sein.


In dem bevorstehenden Umdenkprozess besteht der entscheidende Schritt darin, Bewusstsein als die fehlende Dimension in das Weltbild, das sich nach der Zeit der Aufklärung in Europa etablierte, aufzunehmen. Zaghaft fangen einzelne Bewusstseinsforscher an, über die Möglichkeit nachzudenken, dass es als eine autonome Dimension der Wirklichkeit angesehen werden kann. Dass das Bewusstsein sogar primär und die Materie sekundär sein könnte, erwähnen nur sehr wenige von ihnen – es ist immer noch eine verbotene Zone der Wissenschaft. Es ist Physik, die Königsdisziplin der Naturwissenschaften, die die Begrenzungen des reduktionistischen Weltbildes (weitgehend ungewollt) sprengt. Aus der Relativitätstheorie geht zum Beispiel hervor, dass die Vergangenheit und die Zukunft nebeneinander existieren. Die Zeit ist kein Fluss: Die Dinge verändern sich nur aus unserer subjektiven Perspektive. Die modernen Physiker geben sogar zu, dass ihnen die Materie gänzlich entweicht, wenn sie sie ausreichend genau untersuchen. Auf der Ebene der Strings (die ja nach dem heutigen Stand der Wissenschaft die Grundlage der Materie sind) verschwindet die Materie völlig und verwandelt sich in Mathematik. Auch die klassische Quantenmechanik sagt uns, dass die Materie aus Wahrscheinlichkeiten besteht. Man kann genauso gut sagen, dass sie Mathematik ist. Weil die Wissenschaftler die Wirklichkeit mit der Materie gleichsetzen, müssten sie eigentlich zugeben, dass die Wirklichkeit immateriell ist, dass sie nur durch Gedanken existiert.


Die Verschränkung der Teilchenpaare geschieht ohne eine Verbindung, die auf die Materie zurückzuführen wäre. Die Teilchen, also die Materie, scheinen damit nicht nur aus Gedanken, sondern auch aus Informationen zu bestehen. Wissenschaftler sind heute in der Lage, einzelne Teilchen zu teleportieren, also dasselbe Teilchen an einem entfernten Ort zu erzeugen. Was dabei übertragen wird, ist nur die Information, nicht die Materie oder Energie. In diesem Prozess verliert das ursprüngliche Teilchen die gesamte Information, die es ausmacht, hört also praktisch auf zu existieren. Warum eigentlich? Weil die Information für die Existenz der Materie verantwortlich ist. Trotzdem weigern sich die Naturwissenschaftler, das Bewusstsein in ihr Weltbild einzulassen. Irgendwann aber werden sie den „Quantensprung“ von der Materie zum Bewusstsein machen müssen.


Advaita Vedanta

 

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es innerhalb der westlichen Kultur für die Intellektuellen keine überzeugende Alternative zum Materialismus. Das ist heute anders. Viele Lehrer der mehrere Tausend Jahre alten Vedanta-Philosophie kamen seitdem aus Indien in den Westen und einige führende westliche Philosophen und Physiker beschäftigten sich eingehend mit ihr. Diese Philosophie schlägt nämlich eine Brücke zwischen dem Bewusstsein und der Materie, zwischen der Spiritualität und der Wissenschaft.


Wenn uns die moderne Physik etwas lehrt, dann das, dass alles, was wir als Objekte und Fakten der Materie betrachten, infrage gestellt werden kann. Es gibt nur zwei Existenzen, die aus der allgegenwärtigen Flüchtigkeit herausragen und die wir deswegen als objektiv existierend betrachten müssen. Die erste ist das Subjekt: Auch wenn uns alle Objekte entweichen, das Subjekt verbleibt immer noch. Die zweite sind die Mathematik und die Logik, die purer Geist sind. Der Advaita Vedanta (die in ihren Schlussfolgerungen am weitesten gehende Vedanta-Philosophie) ist aus der vorbehaltlosen Suche nach diesem Subjekt hervorgegangen und hat sich dabei ausschließlich der Logik bedient. Seine wichtigste Entdeckung war, dass das Subjekt hinter dem Geist liegen muss, weil die geistige Aktivität beobachtet werden kann, also ein Objekt sein muss. Und weil alles, was beobachtet werden kann, per definitionem nicht das Subjekt ist, kann es in letzter Konsequenz nur ein einziges Subjekt geben. Nur das eine beobachtende Bewusstsein existiert ohne Bezug auf etwas anderes, „aus sich heraus“. Nur über das Bewusstsein, das Subjekt von allem, lässt sich sagen: „Nun ja, es ist einfach da.“ Die letztendliche Schlussfolgerung des Advaita Vedanta ist deswegen: In der letzten Konsequenz existiert nur das reine Bewusstsein, das reine Subjekt. Die Materie ist eine Projektion dieses Bewusstseins, die unseren Sinnen als Formen, denen wir bestimmte Namen geben, erscheint. Auch der Geist ist Bewusstsein, das sich in einer dieser Projektionen, die wir Gehirn nennen, widerspiegelt. Das mit den Sinnen und mit dem Denken erfahrbare Universum, der Raum und die Zeit, gibt es nur aus dem Standpunkt des Geistes. Dahinter liegt Bewusstsein, das unteilbar ist (advaita bedeutet in Sanskrit: frei von Dualität). Es ist primär, wodurch es als der eigentliche „Stoff“ des Universums angesehen werden kann. Materie ist eine Realität zweiten Grades. Wir erfahren mit unseren Sinnesorganen ein „Hologramm“ und nehmen es als harte Materie des Universums wahr.


Gibt es also keine Materie, keine Welt, wie wir sie sehen, hören und tasten? Doch, die gibt es, sagt Advaita Vedanta, solange wir uns in ihr befinden, solange wir denken und wahrnehmen. Und auch uns, mit unserer Individualität und unseren Begehrlichkeiten, gibt es. Das Besondere an uns ist allerdings, dass das Bewusstsein sich in uns so weit manifestiert hat, dass wir die Schwelle zwischen der Welt der Materie und dem puren, nicht verkörperten Bewusstsein überschreiten können. In einer perfekten Meditation gibt es kein Denken, und die Sinnesorgane sind ausgeschaltet. Sie bildet eine Brücke, an deren anderem Ende der Mensch das reine Bewusstsein erfahren kann. Diese Erfahrung verändert alles. Es ist eine Verschmelzung des reinen Bewusstseins, das scheinbar zweigeteilt war. Das ist der Weg des Yogas, der die rein logischen Schlussfolgerungen des Advaita Vedanta empirisch bestätigt.


Alles, was uns die Wissenschaften über die Materie sagen, ist also wahr, solange wir in dem unvollständigen Koordinatensystem aus Materie, Energie, Geist, Zeit und Raum bleiben. Diese sind jedoch nur ein Aspekt der Wirklichkeit. Der andere ist Bewusstsein. Das ist die Dimension, die den Naturwissenschaften fehlt, um das Universum, das Leben und den Menschen in ihrer Gänze zu erklären. Advaita Vedanta ist die einzige Philosophieschule, die das Bewusstsein (und damit die spirituelle Dimension der Wirklichkeit) in das Weltbild integriert und trotzdem problemlos mit allen Erkenntnissen und Positionen der modernen Naturwissenschaften vereinbar ist. Mehr noch: Sie kann den Wissenschaftlern bei ihrer Suche nach dem Verständnis der Welt helfen.


Und was bedeutet das für das Verständnis der Evolution? Auch sie kann ohne die Dimension des Bewusstseins nicht verstanden werden. Sie ist nämlich mehr als ein Zusammenwirken des Zufalls und des Konkurrenzkampfs. Dahinter liegt das alles durchdringende Bewusstsein. Deswegen manifestieren sich Zusammenarbeit, Mitgefühl und Schönheit mit der fortschreitenden Komplexität des Lebens immer mehr. Ökosysteme heben diese Komplexität auf die Ebene der Gemeinschaften und bieten dadurch dieser Manifestation ein neues Feld. Die Selbstorganisation zu Zusammenarbeit, zu Rücksicht, zu Achtung, zu Harmonie sind in den Ökosystemen bereits in einer perfektionierten Form erfolgt.


Mit dem Menschen hat die Evolution nun eine neue Stufe erreicht: die des Selbstbewusstseins, der Willensfreiheit und der Moral. Bei dieser Entwicklung sind wir allerdings noch Babys, die erst laufen lernen. Wir sind höchstens als Einzelne erwachsen, nicht als Gesellschaft, nicht als Menschheit. Erst wenn wir als Gesellschaft dieselbe Selbstorganisation zur Zusammenarbeit, zu Mitgefühl und Schönheit erreicht haben, wie sie sich bereits in Ökosystemen manifestiert, im Waldboden oder im Ameisenvolk, werden wir uns vom Störenfried zum Solisten in der Symphonie der Schöpfung entwickeln. Erst wenn sich das Bewusstsein auf der Ebene des Zusammenlebens der Menschen ausreichend gut manifestiert hat, werden wir uns von einem Störfaktor zu einem integrierten Teil des Systems der Erde entwickeln. Die perfektionierte Selbstorganisation des Verständnisses, der Rücksicht und der Liebe in der menschlichen Gemeinschaft ist das, was uns als Zivilisation in das bereits perfektionierte System der Gaia einfügen wird.


Das Weltbild für eine nachhaltige Welt

 

Warum langweile ich Sie in der Zeit der Naturkatastrophe, des gesellschaftlichen Zerfalls und der Kriege mit Philosophie? Weil unsere Sicht der Welt, der Natur, des Menschen und des Miteinanders der eigentliche Grund für all diese Katastrophen ist. Die Welt, in der wir heute leben, haben unsere Väter durch ihre Überzeugungen und Wünsche geschaffen. Wenn wir für unsere Kinder eine andere wollen, müssen wir heute umdenken.


Das in den vergangenen 300 Jahren durch die Wissenschaften geprägte Weltbild vertrieb jede Heiligkeit aus der Welt und redete den Menschen ein, dass Bescheidenheit und Genügsamkeit keine Werte, sondern eine List der Religion waren. Der Mensch fand sich in einer unbeseelten Welt wieder, die auf Konkurrenz basierte, in der Werte relativ waren und der Stärkere recht hatte. Solch eine Welt konnte mit gutem Gewissen ausgebeutet werden. Unabhängig von Ihrer Weltanschauung müssen Sie zugeben, dass das reduktionistische Weltbild die menschliche Zivilisation in eine existenzielle Gefahr gebracht hat. Für eine nachhaltige, wertschätzende Welt müssen wir es also modifizieren. Wir müssen trotzdem nicht warten, bis die Physik oder die Biologie umgeschrieben werden. Es gibt nämlich eine Abkürzung. Sie ist nicht neu, aber in der Vergangenheit haben wir sie oft falsch benutzt, nicht selten missbraucht. Wir haben versucht, sie unseren fixen Ideen und dem Eigeninteresse unterzuordnen. Deswegen führte sie uns meistens auf den Holzweg. Der Fehler lag aber nicht bei der Abkürzung selbst, sondern bei uns.


Damit meine ich die Werte, das, was wir als richtig, wahr, schützenswert, heilig betrachten. Außerdem meine ich auch die Stereotypen, die Grundüberzeugungen, die grundlegenden Storys der Kultur, die Vorbilder der Gesellschaft. Der Mensch braucht sie schon allein deswegen, weil er nicht jedes Mal, wenn er sich für oder gegen etwas entscheiden muss, ausführlich das Für und Wider analysieren will. Damit bestimmen die Werte und Grundüberzeugungen darüber, in welcher Welt wir leben.


Der Fehler, den wir in der Vergangenheit immer wieder wiederholt haben, war, dass wir die Begründung dieser Werte in Religionen und Ideologien suchten. Damit waren sie ein Ergebnis von Überzeugungen und deswegen angreifbar. Und weil sie aus Glaubenssätzen Einzelner oder einiger weniger resultierten, führten sie in der gesellschaftlichen Praxis oft zu Ungerechtigkeit und Auswüchsen. Advaita Vedanta ist die einzige nicht auf einer religiösen Offenbarung basierende Weltanschauung, die Werte und die Moral aus der transzendenten Perspektive begründet.[1] Weil alle Menschen, alles Leben, ja sogar unbelebte Materie, also auch die Ressourcen der Erde, eine Projektion des einen unteilbaren reinen Bewusstseins sind, gibt es nichts, was nicht schützenswert wäre, was nicht unsere Achtung verdiente. Wir sind nicht Schwestern und Brüder, weil es jemand postuliert hat, sondern weil wir letztendlich alle eins sind. Wenn ich jemandem schade, schade ich in letzter Konsequenz mir selbst. Wenn jemandem Unrecht passiert oder Leid zugefügt wird, empfinde ich mit ihm Mitgefühl, weil ich in den Tiefen meiner Seele weiß, dass er hinter der Form und dem Namen Bewusstsein ist, das auch ich bin. Damit ist die Grundlage jeglicher Moral – „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ – kein Postulat, kein Appell mehr, sondern die einzig logische Konsequenz aus der objektiv existierenden Realität.


Wenn wir unsere allgemein akzeptierten Werte aus dem Weltbild des Advaita Vedanta begründen und ihre Einhaltung in der Gesellschaft mit dieser Rechtfertigung durchsetzen, gibt es keine Gefahr, dass sie sich bei ihrer praktischen Anwendung gegen Einzelne (meistens die Schwachen, Machtlosen) und gegen die Natur wenden. Diese Werte sind beispielsweise das konsequente Vermeiden jeglicher Gewalt (Ahimsa), Achtung vor allem Leben und die Begrenzung jeglicher Zerstörung auf das unbedingt Notwendige, Gleichberechtigung aller, Mitgefühl, Friede und Verantwortung. Sie sind eigenständig, auch ohne die Berufung auf den Advaita Vedanta, und können von Menschen guten Willens unabhängig von ihrer Weltanschauung und ihren religiösen Ansichten akzeptiert werden. Die Idee, die Überzeugung, dass alles Lebende nicht nur nützlich, sondern auch wertvoll ist, dass alle Lebewesen bewusst sind, dass sie sich von uns nur im Ausmaß, in dem sich in ihnen das Bewusstsein manifestiert, aber nicht im Wesen unterscheiden, fasst heute im Denken der Menschen sowieso Fuß.


Mit diesen Werten können wir eine nachhaltige und friedvolle Zivilisation aufbauen. Ohne sie werden uns all die kostspieligen technischen und all die auf massiven Widerstand treffenden administrativen Lösungen der ökologischen und zivilisatorischen Krise nicht retten. Das Einzige, was die Menschen davon abbringen kann, ihre egoistischen Interessen auf Kosten von anderen und der Natur zu verfolgen, ist, wenn das gegen ihre Werte und Überzeugungen verstößt. Neue Technologien und altes Verhalten würden zu weiterer Zerstörung der Welt und zum Zerfall der Zivilisation führen. Neuartige politische Kräfte und altes Verhalten würden die Ausbeutung der Natur ebenfalls nicht stoppen, weil der Druck des Konsums und die Gier des Finanzkapitals zu mächtig sind und jede Macht auch die gut Meinenden irgendwann korrumpiert. Wir werden natürlich weiterhin technische und administrative Maßnahmen brauchen. Mehr noch, wir müssen unser gesamtes zivilisatorisches System umgestalten. Aber das alleine genommen wird uns nicht gelingen, geschweige denn, das gewünschte Resultat herbeiführen. Diese Maßnahmen müssen von einem grundsätzlichen Umdenken begleitet werden, das unser Verständnis der Welt und uns selbst, unsere Annahmen, Überzeugungen und Prioritäten verändert.


Diese Werte bieten bei dem Umdenkprozess eine Abkürzung, weil sie von der Mehrheit der Gesellschaft akzeptiert werden können, ohne dass wir warten müssen, bis die Wissenschaften, die Religionen, die Philosophieschulen ihr Weltverständnis umgebaut haben. Das kann nämlich dauern. Auch nachdem viele ihrer führenden Vertreter sich für bestimmte Werte und Verhaltensweisen ausgesprochen haben, auch wenn sie diese Werte mit dem unteilbaren Bewusstsein als einer objektiv existierenden Dimension der Wirklichkeit begründet haben, wird sich das wissenschaftliche und religiöse Establishment lange dagegen wehren, weil es viel zu verlieren hat: Ansehen, Einfluss, Macht, Geld … Werte, die die Gefühle, das Gewissen und das Verständnis der um die Zukunft besorgten Menschen ansprechen, die ihnen eine Welt in der Harmonie mit der Natur und untereinander verheißen, sind der vielversprechendste Weg zu einer echten Veränderung unserer Zivilisation. Bisher folgten die Werte auf natürliche Weise aus dem akzeptierten Weltbild. Heute müssen wir sie durch eine gemeinsame Anstrengung der Weitsichtigen propagieren, ohne auf die vollständige Änderung der Weltanschauung zu warten.


Auch wenn echte Werte eigenständig sind und Menschen direkt ansprechen können, ist die Berufung auf ein schlüssiges, überzeugendes, objektiv begründetes Weltbild wichtig, wenn wir uns für einen Kanon entscheiden. Die transzendente und trotzdem allgemeingültige Begründung der Werte wird sie vor Angriffen schützen und den intellektuellen Eliten helfen, diese Angriffe abzuwehren. Und weil Advaita Vedanta keine Religion ist, keinen Glauben voraussetzt, macht er diese Begründung für die gesamte Menschheit akzeptabel. Er bietet eine reale Chance, einen Wertekanon über alle Kulturen und Glaubensbekenntnisse hinaus zu etablieren – einen Wertekanon für die gesamte menschliche Familie. Mit einem solchen Kanon wird es uns möglich, auch als Menschheit den Prozess der Selbstorganisation zu Zusammenarbeit, Mitgefühl und Schönheit in Gang zu setzen.


Es ist unsere Pflicht, umzudenken

 

Ist es überhaupt realistisch zu erwarten, dass die Menschen ihr Weltbild, ihr Selbstverständnis und infolgedessen ihr Verhalten ändern? Nun ja, das ist bereits mehrmals in der Geschichte geschehen. Bisher waren es langsame Prozesse, die nicht bewusst gelenkt wurden. Heute sind wir in einer anderen Situation: Wir haben keine Zeit. Wenn sich ausreichend viele von denjenigen, die den größten Einfluss auf das Denken der Menschen haben, dieser Aufgabe verschreiben, könnten sie innerhalb von Jahren genügend Momentum erzeugen: die Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Politiker, Aktivisten, Meinungsführer … Dieser Wandel benötigt einfach einen kräftigen Anschub. Es ist zuerst eine Herkulesaufgabe, aber später, wenn Kinder mit neuen Werten und Vorbildern, mit einem veränderten Weltverständnis aufwachsen, werden sie diese Sicht auf die Welt als natürlich empfinden.


Wir haben einfach keine Wahl, wenn wir die Natur, den Zusammenhalt in der Gesellschaft, die Demokratie, unsere westliche Kultur und die Zivilisation retten wollen. Der Übergang zu einer nachhaltigen, friedlichen, harmonischen, das lebende System unseres Planeten auf Dauer garantierenden Welt kann nur auf der Ebene des Bewusstseins gelöst werden: des Bewusstseins der Menschheit als Ganzes. Das ist der Grund, warum wir Werte wie Achtung, Mitgefühl, Rücksicht und Verantwortung wählen sollen. So wie die einzelnen Pflanzen und Tiere im Ökosystem eines Waldes zu einem lebensspendenden Ganzen herangewachsen sind, müssen Menschen auf ihrer Bewusstseinsebene ebenfalls ein neues, lebensförderndes planetares Ganzes zustande bringen.


Ich befürchte nur, dass diese Aufgabe nicht erfolgreich gelöst werden kann, wenn man sie entweder zu allgemein beschreibt oder partikular begründet. Wir unterscheiden uns einfach zu sehr darin, welchen Platz wir Bewusstsein in unserem Weltbild einräumen und wie wir unsere Werte begründen. Advaita Vedanta hat für Bewusstsein eine klare Definition und leitet von ihr ein schlüssiges Weltbild ab, das alles, auch die Natur umfasst. In diesem Weltbild könnten sich alle agnostischen und (bei etwas gutem Willen der religiösen Führer) sogar alle religiösen Weltanschauungen wiederfinden. Nur wenn das Umdenken auf der Grundlage eines kohärenten und schlüssigen Weltbildes erfolgt, nur wenn es auch von den Wissenschaftlern mitgetragen wird, nur wenn es die Köpfe und Herzen der Menschen befruchtet, kann die Aufgabe gelingen. Nur wenn die Werte für ein lebensförderndes planetares Ganzes transzendent, aber nicht aus der Position einer Religion oder Ideologie begründet werden, werden sie auch den Angriffen des Establishments, das von der Ausbeutung der Natur und der Menschen profitiert und dieser Ausbeutung seine Position der Macht und des Reichtums verdankt, standhalten.


Und das ist meine These. Vedanta führte zu einer friedlichen und nachhaltigen Zivilisation, die über viele Jahrtausende Bestand hatte, länger als jede andere. Auch wenn diese Zivilisation bei der praktischen Umsetzung ihrer Ideale einige Fehler aufwies, sehen wir sie heute klar und können sie vermeiden. Als Advaita Vedanta bietet der Vedanta eine intellektuelle Basis, die nie angefochten werden konnte und für präzise, wissenschaftlich denkende moderne Menschen ansprechend ist. Wenn wir uns entscheiden, unser Weltbild auf dieser Grundlage umzubauen, können wir hoffen, dass das bitter notwendige Umdenken der Menschen und als Folge der Umbau unserer Zivilisation gelingen können.



[1] Es gibt auch andere philosophische Systeme, die im alten Indien entstanden sind (darunter die Philosophieschulen des im Westen bereits populären Buddhismus), die in diese Betrachtung mit aufgenommen werden könnten. Sie alle sind allerdings auf der Grundlage des Vedanta oder in Beziehung zu ihm entstanden. Advaita Vedanta repräsentiert die philosophisch konsequenteste Sicht auf Vedanta und entspricht außerdem am besten der wissenschaftlich geprägten Weltsicht der westlichen Welt.


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Ich benutze gerne die Computer-Metapher, um den Fehler der Wissenschaft zu verdeutlichen: Wenn man davon ausgeht, dass das Bewusstsein ein Ergebnis der evolutionären Entwicklung des Körpers ist, ist das so, als würde man meinen, dass die wachsende Leistungsfähigkeit der Hardware die Software im Computer von selbst erzeugt. Eine leistungsfähigere Hardware ermöglicht, darauf höherentwickelte Software ablaufen zu lassen. Das ist alles. (Der Vergleich vereinfacht den Sachverhalt zwar, bringt ihn aber auf den Punkt.)


Emergenz ist bloß ein Wort, das einen in hoch komplexen Systemen beobachtbaren Fakt bezeichnet. Sie beschreibt etwas, erklärt es aber nicht.

Oder?

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Wachsende Komplexität des Gehirns bringt wachsendes Bewusstsein hervor – als Emergenz. Was soll daran falsch sein?

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