• Alan P. Stern

Was ist gute Bildung?

Erziehung und Bildung geschehen ununterbrochen in der Gesellschaft. Wir gestalten unsere Kinder und Mitmenschen kontinuierlich, wenn wir mit ihnen interagieren. Es ist wichtig, dass wir uns das bewusst machen. Bildung und Erziehung sind also Aufgaben von uns allen und nicht nur der Bildungsinstitutionen.




Ziel der Bildung


Das wichtigste Ziel der Bildung im engeren Sinne sollte sein, dem heranwachsenden Menschen zu helfen, sein Lebensziel möglichst hoch zu hängen. Um es unmissverständlich zu sagen: Das Ziel der Bildung soll nicht sein, die besten Arbeitnehmer zu produzieren!


Das Ziel des heutigen Schulsystems ist, Arbeitnehmer zu produzieren.

Ein anderes Ziel ist, die Werte und Grundregeln der Gesellschaft, der Kultur und Zivilisation so zu erklären, dass der heranwachsende Mensch sie nicht nur versteht, sondern sie gleich und auf seinem späteren Lebensweg auch verwenden kann. Er muss den Bezug zwischen den Idealen der Kultur und seinen eigenen Zielen herstellen. Dies kann man nur durch Beispiel und direktes Erleben erreichen. Daraus folgt, dass die besten unter uns die Lehrer und Erzieher sein müssen: gut im Verständnis, aber auch in der Moral – und für beides ein Vorbild.


Verständnis – Ziel der Bildung


Betrachten wir die Kette Informationen – Wissen – Verständnis – Weisheit. Die Information beantwortet uns die Frage nach dem Was, das Wissen die Frage nach dem Wie. Das Verständnis ist von grundsätzlich anderer Qualität: Es beantwortet uns die Frage nach dem Warum. Weisheit ist das, was durch direkte Erfahrung des Einzelnen aus seinem übergreifenden Verständnis der Realität erwächst. Die Schule heute konzentriert sich auf Informationen und im besten Fall auf Wissen. Diese wachsen in unserer technisierten Informationsgesellschaft exponentiell.


Die Schule vermittelt Informationen, im besten Fall Wissen - leider kein Verständnis.

Die Schule reagiert darauf, indem sie versucht, in der gegebenen Zeit möglichst viele Fakten in das Gedächtnis der Schüler zu stopfen. Das Resultat ist, dass immer weniger Platz für das Verständnis bleibt, für die Reflexion über die Welt und über den Sinn des Lebens, für das Verständnis der Natur und der Gesellschaft, für die humanistischen Werte, für die Ethik ... Damit zerstören wir unsere Kultur und Zivilisation, weil sich die Kultur aus Verständnis und Weisheit speist und die Zivilisation ohne Verständnis unkontrollierbar wird. Wir müssen unser Bildungssystem schon vom Kindergarten an auf das Erwerben des Verständnisses ausrichten.


Schule produziert Arbeitnehmer


Warum arbeitet unser Schulsystem anders? Weil wir die Kinder und Jugendlichen mit einem anderen Ziel bilden. Trotz aller anderslautenden Beteuerungen steht hinter unserem Bildungssystem der Gedanke, dass wir die jungen Menschen für die Wirtschaft vorbereiten, also für die weitere Vermehrung des Wohlstands fit machen. Wir glauben, dass wir damit den jungen Menschen helfen, weil sie mit dem erworbenen Wissen mehr verdienen werden, also für ihren persönlichen Wohlstand sorgen können. Damit gießen wir einen neuen Brennstoff in den Brand, der unsere Kultur und Zivilisation vernichtet, der die Natur und die Gesellschaft zerstört.

Die traurige Wahrheit über das Bildungssystem


Unsere Bildung verkümmert. Die Mehrheit der Verwaltungsbeamten und der Lehrer betrachtet die Bedienung von Computern als eine wichtigere Qualifikation als die Fähigkeit, schriftlich komplexe Gedankengänge ausdrücken zu können. Als man die Vermittlung des praktischen Wissens, die Vorbereitung auf den Beruf in das Bildungssystem aufnahm, gab es aber noch Bildungsbürgertum und die meisten Familien sahen Werteerziehung als ihre Aufgabe. Die Situation heute ist eine andere. Außerdem stellt sich die Schule der Aufgabe der Erziehung in der Praxis nicht. Damit überlassen wir als Gesellschaft die Werteerziehung vieler Kinder und Jugendlichen den Medien und der Wirtschaft, deren Interessen auf dem Geld basieren und die sich der Mittel der Manipulation bedienen.


Wir überlassen de facto die Werteerziehung den Medien und der Werbung.

In unserem Bildungssystem brauchen wir außerdem dringend die „Erziehung des Herzens“. Eine der erschreckendsten Erkenntnisse aus der Analyse des öffentlichen Schulsystems ist, dass wir dort das Mitgefühl, die Aufrichtigkeit, den Mut, die Geduld und Nachsicht oder einfach Freundlichkeit weitgehend fallen gelassen haben.

Der Bedarf an guter Bildung wird durch die verstärkte Einwanderung noch akuter. Weil die Schule kaum Werte vermittelt, erwachsen sie aus dem familiären Umfeld und aus der mitgebrachten Kultur. Sie müssen damit nicht schlecht sein, es sind aber nicht unsere Werte und nicht unsere Kultur.


Wie kann die Bildung besser werden?


Eine Wende schaffen wir nur, wenn wir das Konzept der Bildung grundsätzlich ändern. Bildung muss die Entwicklung des jungen Menschen im Auge haben. Sie muss ihm helfen, sich selbst und das Ziel seines Lebens zu verstehen. Die Institutionen der Bildung müssen ihn außerdem mit Wissen und Methoden ausstatten, die ihm helfen können, dieses Lebensziel zu erreichen.

Auch bei der Wissensvermittlung müssen wir umdenken. Wenn Schüler die richtigen Informationen und das sie begleitende Wissen haben, können sie sich gedanklich damit beschäftigen. Wenn sie das ernsthaft und stetig tun und an dem Thema interessiert sind, entsteht mit der Zeit Verständnis. Das Verständnis verknüpft mit dem Willen führt zum richtigen Handeln. Aus der Anwendung des Verständnisses in der Praxis und den daraus folgenden Erfahrungen entsteht allmählich die Weisheit. Es wäre weit zielführender, wenn ein junger Mensch diese Kette hin zur Weisheit in nur einem einzigen Bereich des Wissens durchlaufen würde, als wenn er das gesamte Wissen der Menschheit auswendig lernte, aber nichts davon in sein Leben integrierte.



Unser Bildungssystem bedarf grundsätzlicher Umgestaltung. Quelle: „Redesigning Civilization" von Alan Patrick Stern