• Alan P. Stern

Bildung ist die Voraussetzung für Demokratie

Aktualisiert: Nov 21

Wenn man früher etwas wissen wollte, ging man zu jemandem, der es wusste, und lernte von ihm. Später gab es zusätzlich Bücher, die man studieren konnte und die im Idealfall von Menschen geschrieben waren, die es wussten. Heute wissen alle alles, mühelos und im Handumdrehen.




Verständnis kann man nicht googeln


Wir holen den Computer aus, googeln ein bisschen und nach wenigen Minuten wissen wir Bescheid. Weil wir den Unterschied zwischen Wissen und Verständnis nicht gelernt, nicht geübt haben, glauben wir am Ziel zu sein. So kann man aber kein Verständnis erlangen. So wird man nie weise. Man wird im Internet grundsätzlich keine Weisheit finden: Erstens entsteht sie aus eigener Erfahrung, ist also untrennbar an einen konkreten Menschen gebunden. Zweitens bewerben die Weisen ihre Weisheit nicht, weil sie nie um Anerkennung oder um irgendeinen Vorteil betteln. Man muss nach ihnen suchen – das gehört zum ernsthaften Lernen dazu.


Wenn die Schule kein Verständnis und nicht kritisches Denken lehrt, wird sie bald unsere Demokratie abschaffen.

Ohne Verständnis kann man nicht differenziert denken. Menschen, die nicht differenziert denken können, lassen sich einfacher belügen und durch vereinfachte Argumentationen verführen. Menschen, die nicht reflektieren können, nicht selbstkritisch sind, die deswegen den Impulsen aus der Außenwelt schutzlos ausgeliefert sind, werden zum Gemeinwohl nichts beitragen. Menschen, die nicht tolerant, verständnisvoll, friedlich, gutmütig, ausgeglichen sind, werden eher Demagogen ins Netz gehen. Ignoranz ist die Quelle alles Bösen und aller gesellschaftlichen Probleme. Man kann sie nicht mit Fakten und Wissen abbauen. Dafür ist Verständnis nötig. Wenn wir so weitermachen, wird unser Bildungssystem bald die Demokratie abschaffen.

Demokratie braucht präzises Denken


Menschen leben grundsätzlich in der Welt ihres Geistes, hinter der Mauer ihres Egos. Mit den modernen Medien haben wir unsere Entfernung von der Wirklichkeit zusätzlich erhöht: Zunehmend viele von uns verbringen zunehmend viel Zeit in der Unwirklichkeit, die den Vorstellungen, den Fantasien oder der Einbildung anderer entspringt. Die römischen Machthaber nutzten die Taktik „Brot und Spiele“, um die Demokratie abzuschaffen. Heute stehen denjenigen, die es ihnen nachmachen wollen, Frutti di mare und Augmented Reality zur Verfügung. Die einzige Chance der Demokratie sind Menschen, die gelernt haben, präzise und kritisch zu denken und die Ergebnisse dieses Denkens bei ihrem Handeln in der Gesellschaft konstruktiv anzuwenden. Unser Bildungssystem muss präzises und selbstkritisches Denken lehren und seine Anwendung in der Wirklichkeit des sozialen Miteinanders trainieren.


Demokratie muss in jeder Generation neu erarbeitet werden.

Der Demokratie liegt kein Naturgesetz zugrunde. Sie widerspricht dem, wie Menschen denken und fühlen, wie unser Geist funktioniert: emotional anstatt rational, subjektiv statt objektiv, egoistisch statt an das Gemeinwohl gerichtet. Sie ist deswegen an sich nicht stabil und wird es nie sein. Sie muss mit ständiger Anstrengung am Leben gehalten werden. Wir können das jeden Tag beobachten. Wenn wir nach 240 Jahren demokratischen Staates, also nach zehn Generationen, die nie etwas anderes als Demokratie gekannt haben, Erfahrung, Intelligenz, moralische Integrität einerseits und Ignoranz, Zynismus, Arroganz, blindes Ego andererseits zur Wahl bekommen, ist es genauso möglich, dass wir uns mehrheitlich für das Zweite entscheiden. Der einzige Weg, eine funktionierende Demokratie zu haben, ist, das Verständnis und die Moral möglichst vieler Wähler zu fördern. Wir haben beides in unserem Schulsystem praktisch aufgegeben. Wenn wir das nicht schleunigst ändern, wird unsere Demokratie sterben.

Demokratie braucht Bildung des Geistes


Wenn wir das Verständnis, die Arbeit am eigenen Geist, das Wachsen des Einzelnen in seiner Menschlichkeit nicht zu den erklärten Bildungszielen machen, wird unsere Kultur nicht überleben. Der gekonnte Umgang mit dem Instrument des Geistes kann nur durch Praxis, durch anhaltende Anstrengung erlernt werden. Der beste Zeitpunkt, um dafür den Grundstein zu legen, sind die Kindheit und das Jugendalter. Damit ist der richtige Ort dieser Praxis das Bildungssystem.

Lassen Sie mich das in dieser Deutlichkeit sagen: Die geistige und spirituelle Entwicklung mag von vielen als eine Privatsache gesehen werden, sie ist nichtsdestotrotz die Voraussetzung unserer Demokratie und Voraussetzung unserer Zivilisation, wenn wir ihr eine Chance geben wollen.


Alan Patrick Stern ist ein Systemdenker und Buchautor. In seinem Buch „Redesigning Civilization, wie erschaffen wir die westliche Zivilisation neu?“ beschreibt er die Anwendung der Methode der Systemischen Gestaltung auf die gesamte westliche Zivilisation.

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