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Spirituelles Wissen

Aktualisiert: 20. Jan. 2023


In dem Artikel „Spirituelle Bildung“ habe ich versucht zu erklären, was spirituelle Bildung bedeutet. Aber was ist das Wissen, das man dabei erwirbt?


Im Vorwort zu seinem Buch „The Path of Self-Knowledge“ beschreibt Paramahamsa Prajnanananda wunderschön, was das Verständnis des spirituellen Wissens in der Tradition des Yoga und Vedanta ist. Über dieses Wissen möchte ich in diesem kurzen Text nachdenken.


Frau schaut ins Mikroskop


„Höheres“ und „niedrigeres“ Wissen


Die Mundaka Upanishad (1:1:4) unterteilt das Wissen in zwei Bereiche: das niedrigere Wissen (apara vidya) und das höhere Wissen (para vidya).


Mit dem Ersten ist alles das gemeint, was wir durch unsere Sinnesorgane und die Arbeit unseres Geistes erlangen können. Es wird uns an Schulen und Universitäten vermittelt. Das gesamte Wissen, das uns die Wissenschaften liefern, ist apara vidya. Es hilft uns, die Welt aus Materie und Energie zu verstehen. Aber vor allem beschert es uns komfortables und müheloses Leben, all die Güter und Technologien, die uns Komfort und Unterhaltung ermöglichen. Nebenbei macht es uns als Zivilisation und als Einzelne stolz, egoistisch und ruhelos. Dieses Wissen erzeugt eine Fülle an Aussagen und eine nicht zu durchdringende Komplexität, die uns das Verständnis von uns selbst und vom Zweck unseres Lebens von Generation zu Generation zunehmend erschwert.


Unsere Kultur steht auf einem Bein. So kann sie den aufziehenden Stürmen nicht standhalten.

Gut ausgebildete westliche Menschen der Gegenwart sind ruheloser als ihre Eltern. Sie finden in ihren Herzen keinen Frieden und erfahren die Welt und das Interieur ihrer Gedanken, Gefühle und Wünsche als immer weniger geordnet. Der Vergleich zu den Großeltern und den Generationen davor fällt noch drastischer aus. Übertragen könnte man also sagen, dass apara vidya, wenn sie alleine vermittelt wird, zu einer Art Entropie des menschlichen Geistes führt. Das ist das empirisch erfahrbare Resultat unseres einseitigen Wissens und der unausgewogenen Kultur.


Spirituelles Wissen


Das „höhere Wissen“, para vidya, erlangt man auf andere Weise als das „niedrigere Wissen“. Die Wissenschaft des inneren Universums, die im antiken Indien entwickelt wurde, empfiehlt dafür drei Schritte: konzentriertes Lernen (shravana; wörtlich: zuhören – das Lehren geschah damals vor allem mündlich), wiederholte Reflexion über das Gelernte (manana) und Meditation (nididhyasana; also vertiefte Absorption dessen, was man gelernt und verstanden hat). Über die Gewichtung dieser drei Schritte beim Erlangen der para vidya erfahren wir in „Vivekachudamani“ von Adi Shankara (Vers 364): „Die Reflexion ist dem Zuhören hundertmal überlegen, und die Meditation ist der Reflexion hunderttausendmal überlegen.“ Übertragen kann man also sagen, dass para vidya zu einer exponentiellen Zunahme des Wissens in die Tiefe des Menschen führt, während apara vidya in einer exponentiellen Vermehrung des Wissens über die äußere Welt mündet.


Das Wissen kann in die Tiefe des Menschen wachsen oder ihn von seiner Tiefe ablenken. Das Zweite ohne das Erste muss im Ergebnis zu seiner Verflachung führen.

Wenn das spirituelle Wissen auf authentischen Quellen beruht, auf die oben beschriebene Weise und mit Unterstützung eines authentischen Lehrers (Gurus, wie die Inder ihn oder sie nennen) gewonnen wird, ist es transzendental, also nicht vergehende Wahrheit. Die (oder der) Lernende wächst zu einem demütigen, liebevollen und hilfsbereiten Menschen auf. Sie entwickelt eine gesunde Distanz zu ihren Emotionen und Begehrlichkeiten und kann deutlich objektiver ihre Ideen beurteilen und Entscheidungen treffen. Sie hat außerdem eine klare Vorstellung vom Zweck ihres Lebens und bleibt in allen Lebenssituationen friedlich und zufrieden.


Ungleichgewicht heutiger Bildung


Unsere Bildung vernachlässigt para vidya gänzlich. Im Ergebnis wurde unsere Kultur materialistisch, nach außen gerichtet und aufgewühlt. Die auf dieser Kultur fußende Zivilisation widmet sich der Umwandlung der Natur in eine Umgebung für bequemes, müheloses Leben der Menschen – mit dem bekannten Resultat. Weil wir auch als Einzelne mit diesem Ungleichgewicht leben, sind wir zunehmend unzufriedener, unglücklicher, unerfüllter. Der wahre innere Frieden und die fortwährende Zufriedenheit können nie von außen kommen. Sie sind das Ergebnis der bewussten Nutzung der Sinnesorgane und der Kontrolle über die eigenen Gedanken und Emotionen – und diese kommen vom spirituellen Wissen.


Im traditionellen Bildungssystem Indiens waren die Lehrer bemüht, apara und para vidya ins Gleichgewicht zu bringen. Wie auch immer wir für uns morgen die Bildung definieren wollen, werden wir hoffentlich diese Schieflage erkennen und ein Gleichgewicht schaffen.


Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die so verstandene spirituelle Bildung nichts mit Religion zu tun hat: „Sie ist der richtige Weg, um den Geist zu bilden und ein wirkliches Verständnis der Welt und der Beziehungen zu erlangen; sie bringt das Wissen darüber, wer wir sind, über unsere wahre Natur“, wie Paramahamsa Prajnanananda es schreibt.


Spirituelles Wissen und Digitalisierung


Dieses Wissen hat einen großen Vorteil: Es lässt sich nicht digitalisieren. Man findet es nicht bei TikTok und Facebook. Von den drei Schritten des Lernprozesses lässt sich nicht mal der erste, das konzentrierte Lernen, zufriedenstellend durch eine Videokonferenz oder ein YouTube-Video ersetzen. Die Schulen werden es nicht durch Online-Unterricht vermitteln können. Es ist analog – wie der Mensch, wie sein Herz, sein Geist und seine Seele.


Das spirituelle Wissen betrifft nämlich den wahren Menschen und nicht den Konsumenten oder den Arbeitnehmer. Es muss sich in die Tiefe, die der Mensch immer noch ist, durcharbeiten. Es kann nur von einem Menschen zu einem anderen Menschen übertragen werden: von einem, der weiß, zu einem, der wissen will. Es wird außerdem nirgends beworben, weil man damit kein Geld machen kann. Für die digitalen Medien ist es wertlos.


Mensch ist der Name einer Tiefe, die ergründet werden muss. Die Medien in ihrer Geschäftstüchtigkeit erziehen ihn zu Seichtheit – in flachen Gewässern lässt er sich besser lenken. Deswegen ist spirituelles Wissen eine Chance, die Selbstauflösung unserer Kultur und den Zerfall der modernen Zivilisation noch zu verhindern.

Es war einfach, uns in Online-Wesen zu verwandeln. Es wird schwer, uns wieder in die Realität zurückzuholen. Es wird Mühe erfordern. So auch der Erwerb von spirituellem Wissen. Die Realität wird uns jedoch ohnehin einholen. So auch die menschliche Seele.



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