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Auf der Suche nach einer anderen Welt

Aktualisiert: vor 6 Tagen


Um unsere Welt in der Zukunft anders zu gestalten, müssen wir sie zuerst verstehen. In dem Gespräch mit Frau Prof. Marianne Gronemeyer auf der Frankfurter Buchmesse haben wir uns auf die Suche nach einem neuen Verständnis unserer Welt begeben. In diesem Beitrag finden Sie die Niederschrift dieses Gesprächs.


Bücher


A. Sternowski: Es wird erst seit ein paar Jahren und noch zaghaft darüber gesprochen, dass unsere Wachstumsökonomie kein Zukunftsmodell sein kann – einfach, weil wir auf einem begrenzten Planeten leben.


Was sich noch nicht so herumgesprochen hat, ist, dass auch die Kultur unserer Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft einem Verflachungsprozess ausgesetzt ist. Es ist also nicht nur die Natur, die wir durch unser Verhalten und unsere Einstellung zur Welt zerstören.


Marianne Gronemeyer spricht über die Kehrseiten der Wachstumsgesellschaft bereits seit den 80er-Jahren und hat darüber etliche Bücher publiziert. Das macht sie zu einer idealen Gesprächspartnerin über unser heutiges Thema, das lautet: „Auf der Suche nach einem neuen Verständnis unserer Welt“. Das ist auch der Untertitel des Buches „Weltbild für den Blauen Planeten“, zu dem Frau Gronemeyer einen sehr interessanten Essay unter dem Titel „Es gibt nichts Gutes, außer man lässt es. Über Halt und Haltung“ geschrieben hat.


Ich möchte unser Gespräch mit einer These anfangen. Meine These ist, dass unser Denken über unser Handeln bestimmt. Was wir glauben, was wir wollen, materialisiert sich auch irgendwann mehr oder weniger. Würden Sie dem zustimmen?


Marianne Gronemeyer: Ich könnte dem bedingt zustimmen, aber ich würde die These gleichzeitig umdrehen, um einen anderen Blick darauf zu bekommen. Ich würde sagen, dass unser Handeln können unser Denken bestimmt. Meine Gegenthese wäre: Wir müssen weitaus radikaler denken, als wir handeln können.


Unsere Handlungsmöglichkeiten in dieser Welt sind sehr eingeschränkt, auch wenn wir glauben, uns sogar sicher sind, dass wir unter freiheitlichen Verhältnissen leben. Das ist bereits ein Zugeständnis an das, was wir an Unfreiheit ertragen. Ich glaube, dass wir uns davor drücken, wirklich radikal davor drücken, zur Kenntnis zu nehmen, wie vielen Unfreiheiten wir in unserer scheinbaren Freiheit unterliegen. Und das hängt damit zusammen, dass wir eine konsumistische Gesellschaft sind. Dieses konsumistische Modell (dass wir alles nur unter dem Gesichtspunkt betrachten, was es kostet, was ich davon habe, mit wem ich konkurrieren muss, damit ich kriege, was ich haben will) führt in die kriegerische Auseinandersetzung der Menschen untereinander.


Wir müssen weitaus radikaler denken, als wir handeln können.

Mein wichtigster Lehrer, Ivan Illich, hat einmal von uns als kriegenden Menschen gesprochen: Der Konsument und die Konsumentin sind kriegende Menschen, die das, was sie brauchen, kriegen müssen, weil sie inzwischen völlig unfähig sind, selbst für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu sorgen, und ihr Leben nur mithilfe von gekauften Dienstleistungen meistern können. Klar können wir den Lichtschalter betätigen, und siehe da: Das Licht geht an. Wir sind unseres Lichtes mächtig. Aber in Wirklichkeit ist es eine Illusion, denn in dem Augenblick, in dem das Licht nicht angeht, sind wir völlig unfähig, irgendwas dafür zu tun, dass wir genug Licht haben. Unsere Vorstellung, dass wir unser Leben meistern, hängt davon ab, dass die Supermärkte voll sind, dass die großen Systeme, die uns Licht oder Wasser spendieren, funktionieren. Alles das beherrschen wir nicht mehr, können wir nicht mehr.


Deswegen würde ich sagen, die Möglichkeit zu denken, radikaler zu denken, als wir handeln können, ist durch diese Unfähigkeit zu handeln sehr beschränkt. Wir haben schon an unserem Kopf „Schaden genommen“, vor allem an unserer Fantasie, weil wir uns nichts anderes mehr vorstellen können, als nach Versorgung zu streben. Und nach Versorgung zu streben heißt, Geld verdienen zu müssen, also unsere Arbeitskraft zu Markte zu tragen, und das heißt wiederum, sich den Bedingungen, die da gelten, zu unterwerfen.


Wir haben schon an unserem Kopf „Schaden genommen“, vor allem an unserer Fantasie, weil wir uns nichts anderes mehr vorstellen können, als nach Versorgung zu streben.

In einem pointierten Satz könnte ich sagen: Jeder Euro, den wir nicht brauchen, ist ein winziger Zuwachs an Freiheit. Wir müssen dann diesen Euro ersetzen durch etwas, was wir können. Wir Menschen sind könnende Wesen. Wir können etwas. Wir sind eigentlich gut geeignet, unser Leben zu meistern, aber völlig entwöhnt dadurch, dass man uns glauben gemacht hat, dass wir alles, was wir brauchen, kriegen müssen.


A. Sternowski: Der Fakt, dass unser Leben inzwischen völlig auf Konsum aufgebaut ist, ist also der Kern unserer Probleme?


Marianne Gronemeyer: Das ist die zweite Pointe dieses Satzes: Der Mensch ist ein kriegender Mensch in der Konsumgesellschaft. Um das zu kriegen, was er glaubt, haben zu müssen, muss er mit anderen konkurrieren. Andere wollen nämlich dasselbe wie er oder sie. Insofern sind wir gemeinsam auf einem Kriegsschauplatz. Wir sind kriegende Menschen im doppelten Sinn: abhängig davon, versorgt zu werden, und in einer permanenten Konkurrenz mit anderen, die das Gleiche wollen. Wir haben es mit einer Sieger- und Verlierergesellschaft zu tun.


Ich würde also Ihrem Satz zustimmen, aber nur wenn ich gleich den Gegen-Satz sage. Und das ist eine wunderbare Möglichkeit, die wir haben und derer wir uns auch bedienen sollen: dass wir mit den Widersprüchen leben und nicht gegen sie ankämpfen zugunsten der Eindeutigkeit.


A. Sternowski: Eindeutigkeit impliziert, dass wir alle das Gleiche denken …


Marianne Gronemeyer: Wir leben in einer Situation, in der die Eindeutigkeit ein solches Privileg genießt gegenüber der Vieldeutigkeit, dem Verschwommenen, dem Nicht-genau-Wissen, dem Probierenmüssen, dem Wagenmüssen, dass wir uns eigentlich nur noch sicher fühlen, wenn wir alle zu dem Gleichen Ja sagen, alle zu dem Gleichen unseren Nicker abgeben; und wenn der Nicker funktioniert hat, haben wir alle das Gefühl: Wir haben einen Konsens, wir sind eines Sinnes und sprechen eine Sprache.


Ich muss mir nur die Verlautbarungen der Medien um mich herum anhören, um meinen Zorn über diese Eindeutigkeit und über diesen ungeheuren Verlust an Vielfalt zu nähren. Die Medien haben in Zeiten von Corona und erst recht seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine sträflich versagt. Sie sind ihrer Aufgabe der Berichterstattung und der Kritik nicht nachgekommen, die ja bedeuten würde, einer kritisch fungierenden Öffentlichkeit perspektivenreiche Informationen bereitzustellen, welche die Bürgerinnen und Bürger zu einer begründeten Urteilsbildung befähigen. Stattdessen haben sie in ihrer erdrückenden Majorität eine Mehrheitsmeinung nach allen Regeln der „Kunst“ der Massenpsychologie erst hergestellt und ihr dann Dominanz dadurch gesichert, dass anderes Denken, Fühlen, Trachten und Erwägen nicht nur unberücksichtigt bleibt, sondern einhellig für vernunft- und rechtswidrig, leichtfertig, verantwortungslos, gemeinschaftschädigend, kurz: indiskutabel erklärt wird. Wofür brauchen wir ZDF und ARD, Spiegel- und Bild-Online, wenn alle aus dem gleichen Horn blasen? Und wie leichtfertig darf ein Rechtsstaat die Meinungsvielfalt abblasen, wenn und weil wir in der Krise stecken? Ein in einen Krieg verwickeltes Land, in dem jede auf Verhandlung, Gespräch und schließlich Versöhnung gerichtete Position und jeder Pazifismus verunglimpft werden, macht mich heimatlos.


Die Medien haben in Zeiten von Corona und erst recht seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine sträflich versagt. Sie sind ihrer Aufgabe der Berichterstattung und der Kritik nicht nachgekommen.

Menschen sind unendlich vielfältige Wesen. Jeder ist anders. Es gibt keine zwei Menschen, die einander gleichen, und keine zwei Meinungen und Verständnisse von Welt, die gleich sind. Aber wir tun so, als seien wir alle eines Sinnes, und beten das nach, was uns als das richtige Verständnis von der Welt eingetrichtert wird. Wir sind über das Gleiche betroffen. Wir sind über das Gleiche verstört und hoffen auf das Gleiche. Worum es ginge, wäre Mehrdeutigkeit. Und wenn wir beide zwei Sätze, die sich eigentlich widersprechen, präsentieren, kann ich nur sagen: Wir haben einen wunderbaren Anfang gemacht, miteinander ins Gespräch zu kommen. Vieldeutigkeit, Meinungsverschiedenheit ist vielleicht das Gut, das uns im Moment am meisten fehlt, an dessen Niedergang wir am meisten kranken. Und ich möchte jeden ermutigen, der eigenen Meinung etwas zuzutrauen, um sie im Gespräch mit anderen zu schärfen, zu klären, infrage zu stellen. Wenn wir alle nur zu dem Gleichen Ja sagen, hört das Infragestellen auf.


A. Sternowski: Es ist nicht so behaglich, dem Gegenüber zu widersprechen …