• Alan P. Stern

Bioneers Conference – Bericht 2

Aktualisiert: 16. Dez 2020

Das große Geld bestimmt über die Politik und beeinflusst das Recht. Globale Konzerne entscheiden darüber, was wir kaufen und zunehmend auch, was kleine Unternehmen produzieren. Medienmonopole beeinflussen, was wir denken und womit wir uns beschäftigen. Das Großkapital, die Konzerne und die monopolähnlichen Strukturen sind die Kinder des Kraken der Globalisierung.

Wenn wir zulassen, dass dieser Krake auch noch Enkelkinder bekommt, ist unsere Demokratie Geschichte, die Biodiversität und intakte Natur Ausstellungsobjekte in Museen, die lokale Wirtschaft und Handel eine marginale Erscheinung und fast alle Bürger machen rein zufällig das, was Facebook und Co. nützt.


Wir brauchen dringend eine andere Globalisierung – eine Globalisierung von unten, eine Vernetzung der Menschen, die sich für eine andere Welt einsetzen. Wir brauchen eine neue Weltmacht, die aus lokalen Initiativen der Menschen erwächst, Menschen, die für Leben, Gleichberechtigung und Menschlichkeit eintreten. Wir brauchen eine andere Wirtschaft, die im Einklang mit der Natur existiert und Menschen in ihrer unmittelbaren und mittelbaren Umgebung hilft, ein gutes Leben zu führen. Wir brauchen eine stille Revolution, die aus den tiefen Wurzeln der Natur und der Menschlichkeit erwächst. Und wir brauchen sie jetzt!


Am zweiten Tag der Bioneers-Konferenz „Beyond the Great Unraveling — Weaving the World Anew“ (Über die große Entwirrung hinaus – Die Welt neu ordnen) wurde vor allem über die Demokratie, Amazon und solidarische Ökonomie gesprochen. Hier mein kurzer Bericht.






Es ist an der Zeit, das Unmögliche möglich zu machen


Wir können nicht warten und hoffen, dass die nächste Generation den Mut aufbringt, die Welt zu reparieren. Diese Zeit haben wir nicht. Deswegen reicht es nicht, so zu handeln, wie uns das gerade möglich erscheint. Unser Handeln muss sich auf das Ziel richten, den Planeten zu retten mit dem Bewusstsein, dass wir nur wenig Zeit haben. Niemand wird es für uns tun.


Wir, die Menschen, die jetzt auf dem Planeten leben, wir sind das Team auf dem Spielfeld. Es gibt keine Garantie dafür, dass in 30 Jahren irgendeine zukünftige Generation noch Zeit auf der Uhr des Planeten haben wird, um das zu tun, wovor wir Angst haben, um zu handeln, wo wir zögern. Dies ist unser Augenblick. Seien wir mutig und handeln entschieden.


Wir befinden uns in einem kritischen Moment. Wir müssen jetzt die Verantwortung übernehmen. Und wir müssen anfangen, füreinander zu sorgen.

Demokratie versus Plutokratie


Die Menschheit war nicht gut zu Mutter Erde. Infolgedessen reinigt sie sich selbst auf die beste Weise, die sie kennt. Die Lektion, die wir jetzt lernen sollen, ist, dass wir die menschengemachten Gesetze mit den Gesetzen der Natur in Einklang bringen müssen.


Man hat uns z. B. über Jahrtausende eingeredet, dass die menschliche Gesellschaft hierarchisch sein muss. Machthaber, Kirchen, Wissenschaftler, Patriarchen haben hunderte Argumente dafür gefunden, dass Menschen geführt werden müssen, dass sie sich selbst überlassen, vom Weg abkommen würden, verloren gingen. Sogar über die Natur hat man in Hierarchien gedacht. „Das alles ist eine Lüge“, sagte Thom Hartmann (ein berühmter Talkshow-Moderator und Autor von 30 Büchern). Die moderne Wissenschaft beweist, dass in der Natur Demokratie die Regel ist, wenn Tiere, ja sogar Pflanzen, Entscheidungen treffen. Demokratie ist die Grundlage allen Lebens auf der Erde. Menschen könnten sehr gut ohne Hierarchien leben.


Amazon, Facebook, Google repräsentieren eine neue Dimension des Monopols. Sie kontrollieren die Infrastruktur von Handel und Kommunikation. Sie sind in der Lage, die Regeln zu setzen, sie können ihre eigenen Produkte bevorzugen. Im Wesentlichen können sie uns regieren. "Wir sollten sie als eine Form der privaten Regierung erkennen", sagte Stacy Mitchell, Autorin des Berichts "Monopoly Power and the Decline of Small Business". Wenn wenige Personen in der Lage sind, riesige Märkte zu kontrollieren, macht das andere Menschen in vielerlei Hinsicht von ihnen abhängig. Das ist gegen die Demokratie.


Amazon verbucht etwa die Hälfte aller Online-Ausgaben. Hersteller sind gezwungen, dort anzubieten, um Käufer zu erreichen. Das führt dazu, dass Amazon indirekt die Wirtschaft kontrolliert. Weil Amazon die wichtigsten Daten über alle Anbieter besitzt, sieht er, wenn ein Unternehmen oder ein Produkt erfolgreich ist, bietet das Gleiche selbst an und verdrängt den Wettbewerber. Amazon ist zu einem Monster geworden, das alles Wertvolle schluckt und daran weiterwächst.


Bei Facebook und Google beobachtet man etwas ähnliches. Sie sind Gatekeepers und nutzen diese Position aus. Sie bilden eine Art autokratische Privatregierung. Das untergräbt die Demokratie. Wir brauchen dringend Strukturen, die der Demokratie und nicht den Unternehmen dienen. Und glaubt nicht, dass die Gefahr theoretisch ist: Als Thom Hartmann Facebook in seiner Sendung kritisiert hat, wurde sein privater Account, den er mit seiner Familie und Freunden genutzt hat, gesperrt. Wenn immense Macht von Einzelnen angehäuft wird, ist es nur die Frage der Zeit, bis sie missbraucht wird.


Der Facebook-Chef ist bereits heute der mächtigste Mann der Welt. Wir sollen uns fragen, ob wir Untertanen einzelner superreicher Männer werden wollen!

Chloe Maxmin


Ich möchte Euch über Chloe Maxmin, eine unglaubliche 28 Jahre junge Frau aus dem Nordosten USA erzählen, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Chloe wurde gerade zum Senat des Bundesstaates Maine gewählt, nachdem sie den republikanischen Amtsinhaber und Minderheitenführer im Senat absetzte. Seit 2018 saß sie bereits im Repräsentantenhaus von Maine, nachdem sie als erste Demokratin ihren ländlichen, konservativen Bezirk gewann. Chloe versucht, eine neue Politik für das ländliche Amerika zu entwickeln. Sie ist für mich eine Hoffnungsträgerin für die marode amerikanische Scheindemokratie.


„Es ist ein kaputtes System“, sagte Chloe, „aber es ist das, was wir haben, und wir müssen dringend dafür sorgen, dass dieses System für uns arbeitet.“ Wie tut sie das? Sie ist tief verwurzelt in ihrer Community, dort wo sie lebt, und sie kämpft für die Menschen um sie herum. Sie macht keine traditionelle Politik, sie arbeitet für die Menschen und setzt sich für ihre Rechte und die Rechte der Natur ein.


Chloe begann ihr Engagement für die Gesellschaft mit 12 Jahren, als sie gegen den Klimawandel protestierte. In der High School gründete sie den Climate Action Club. Zusammen mit anderen Schülern ging sie zu den Menschen und klärte sie auf. Im College hörte sie über den Plan, die Abfälle aus dem Erdölabbau in der Nähe von Montréal per Rohrleitung ins Meer zu befördern. Sie nahm den Kampf gegen ExxonMobil auf. Daraus wurde eine Bewegung (Divest Harvard) mit 70 tausend Mitgliedern.


Sie hat allerdings irgendwann verstanden, dass man auch mit einer breiten Bewegung die Ziele, die sie sich stellt, nicht erreichen kann: bessere Leute ins Amt zu bringen, gute Klimapolitik zu machen, öffentliche Amtsträger zur Verantwortung zu ziehen. Deswegen nach ihrem Diplom, als sie wieder zu Hause war, einer Kleinstadt mit 1600 Einwohnern, entschied sie sich, für das Repräsentantenhaus in ihrem Bundesstadt zu kandidieren. In ihrem Wahlbezirk ist noch nie ein Kandidat der Demokraten gewählt worden. Sie lehnte jegliche Unterstützung ihrer Partei ab. Sie führte ihre Kampagne zusammen mit ihrem Freund selbst. Sie baute sie auf klar artikulierten ethischen Werten auf und hörte den Menschen wirklich zu. Sie sprach persönlich mit unzähligen Wählern der Republikaner und mit den Unentschiedenen. Sie lernte dabei, dass viele einfache Menschen die republikanischen Kandidaten wählen, weil man mit ihnen nie spricht, sie nicht über die Ursachen ihrer eigenen Probleme aufgeklärt.


Als sie über ihre Gemeinde (local community) sprach, kam die Erinnerung an einen Mann, der in einem desolaten Anhänger am Rande eines Ortes wohnte. Die junge Frau war die erste Person seit Jahren, die an seine Tür geklopft hatte. Sie sprachen lang miteinander und sie hat verstanden, wie tief manche Menschen von dem System an den Rand gedrückt wurden. Als sie ihre Erzählung beendete, sah ich, wie sie mit den Tränen kämpfte. Chloe gewann mit 52,4 % der Stimmen. Als Abgeordnete behielt sie die intensiven Kontakte mit den Wählern bei und diskutierte alle ihre parlamentarischen Initiativen zuerst mit ihren Wählern.


Auch innerhalb des gegenwärtigen politischen Systems können junge Leute entscheidende Änderungen erreichen, wenn sie die Verantwortung übernehmen und selbstlos und entschieden handeln.

Als in diesem Jahr die Wahl zum Senat ihres Bundesstaates kam, ist sie gegen den republikanischen Kandidaten eingetreten, der bereits seit 20 Jahren im Amt war. Sie organisierte ihre Kampagne ausschließlich mit Freiwilligen und ohne jegliche Unterstützung ihrer Partei. Sie kloppte persönlich an 15.300 Türen. Dabei fand sie viele ältere Menschen, die wegen der Pandemie isoliert und ohne jegliche Hilfe lebten. Also fand sie eheamtliche junge Helfer, die alle alten Menschen im Distrikt anriefen und für diejenigen von ihnen, die Unterstützung brauchten, Hilfe organisierten. Sie gewann die Wahl mit 600 Stimmen. Ihr ist vollkommen klar, dass die Arbeit für sie erst wirklich beginnt. „Ich tue einfach das, was ein Einzelner tun kann, um die Welt dorthin zu lenken, wo sie hingehen soll“, sagte Chloe.


Solidarwirtschaft


Solidarwirtschaft basiert auf demokratischen Eigentum und Management. Sie bildet ein System, in dem alle Dinge, die eine Gemeinschaft braucht, von den Menschen selbst bestimmt und kontrolliert werden. Die Menschen und die Natur stehen in dieser Wirtschaftsform im Vordergrund.


Als sie über die Solidarwirtschaft sprach, benutzte Michelle Mascarenhas-Swan von der Movement Generation eine wunderschöne Metapher der Ökonomie, mit der ich meinen heutigen Bericht beenden möchte.


Das Wort Ökonomie kommt vom griechischen Wort oikos, was "Heim" bedeutet. Das Wort Ökonomie bedeutet also in Wirklichkeit das Management des Zuhauses oder der Heimat. Das Zuhause ist eingebettet in ein Netz von Beziehungen mit seiner Umgebung, die als Ökosystem bezeichnet werden kann. Ökologie bedeutet wörtlich das Wissen über dieses Zuhause. Beide hängen also untrennbar zusammen. Das heutige Wirtschaftssystem beutet aber seine Umgebung aus. Das Resultat ist Zerstörung und Erderwärmung.


Wenn Ökonomie die Bewirtschaftung eines Hauses bedeutet, dann ist die Art und Weise, wie diese Bewirtschaftung erfolgt, entscheidend für die Ergebnisse. Wenn wirtschaftliche Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die weit von dem Ort entfernt sind, an dem die Auswirkungen dieser Entscheidungen zu spüren sind, ist das Ergebnis eine Misswirtschaft, die ihre Umgebung ausblendet. Indigene Völker auf der ganzen Welt haben es schon lange verstanden: Wir können unsere Heimat nur dann gut verwalten, wenn wir die Auswirkungen auf die natürliche Umgebung unserer Heimat verstehen. Ökonomie, oder das Management der Heimat, erfordert also Ökologie, das Wissen über die Heimat.


Wir müssen das Wirtschaften auf ein Maß zuschneiden, das in unsere unmittelbare natürliche Umgebung passt.


Die Natur und die Zivilisation um uns herum sind unser Zuhause. Wir müssen unsere Zivilisation so verändern, dass sie in die Natur passt.

Die nächsten Berichte folgen bald.



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