• Andreas

Menschliche Suche nach Glück

Dieser Text stammt aus dem Buch „Der innere Reichtum, die Weisheit hinter Ayurveda, Yoga und Vedanta“ von Swami Chidananda.



Unsere Suche nach Glück


Im Verlauf der Geschichte hat die Menschheit wunderbare Verbesserungen erzielt und es hat große Fortschritte in Wissenschaft und Technik gegeben. Die Menschen hofften, dass sie dadurch ihr Glück finden werden. Das allen Menschen gemeinsame Bestreben ist die Überwindung von Schmerz und Leid und die Erlangung von Glück. Aber trotz aller Bemühungen, diese begehrte Erfahrung durch den Erwerb einer Vielzahl von Dingen zu erreichen, ist es der Menschheit nicht gelungen, dieses Ziel zu verwirklichen. Völlige Freiheit von Schmerz, Leid und Trauer ist vom modernen Menschen noch genauso weit entfernt wie vom altertümlichen Menschen. Absolutes und vollkommenes Glück ohne jede gegenteilige Erfahrung bleibt unerreichbar wie der Horizont.

So ist der Mensch trotz viel Wissens, Fortschritts und vieler Besitztümer noch nicht wahrhaft frei von Schmerz und Leid. Aber genau das wollen alle. Wenn diese Freiheit nicht hier gefunden werden kann, wo dann? Zunächst einmal sind wir uns nicht im Klaren darüber, was genau dieses Glück ist, das wir uns so sehr wünschen. Wenn wir es aber nicht wissen, wie können wir auf intelligente und wirksame Weise danach suchen?

In dieser Situation stellen wir fest, dass unser Menschsein nie für die wahre Aufgabe genutzt wird, für die es uns gegeben wurde. Das Einzigartige an dem Menschsein ist das Potenzial, zum Göttlichen überzugehen. Durch die Nutzung unserer menschlichen Fähigkeiten sollen wir etwas erreichen, was Tiere nicht erreichen können. Diese Leistung besteht darin, die richtige Antwort auf die Fragen „Wer bin ich und was bin ich?“ zu erhalten. Unser menschlicher Status wurde uns nicht in erster Linie geschenkt, damit wir uns um unser materielles Wohlergehen kümmern, sondern damit wir die höhere, göttliche Ebene des Menschseins entwickeln.

Sie alle kennen die Geschichte von der Gans, die goldene Eier legte. Jeden Tag legte sie ein goldenes Ei, aber nur ein einziges, sodass der Besitzer irgendwann auf die verrückte Idee kam, das herauszuholen, was auch immer in der Gans war. Er schnitt die Gans auf, bekam ein Ei und verlor die Gans. Der Mensch, der gierig ist und alles auf einmal bekommen will, hat die Erde, die Luft und das Wasser völlig zerstört – alles ist verschmutzt. Fische können nicht mehr in den Flüssen leben und Vögel nicht mehr in den Wäldern. Es ist für den Menschen gefährlich geworden, die Luft zu atmen. Sie werden mir zustimmen: Wir sollten besser nach Hause zurückkehren.


Der authentische Yoga


Die Ziele des authentischen Yogas sind die Disziplinierung des animalischen Teils unseres Wesens, die Bildung und Veredelung unserer menschlichen Persönlichkeit und das Erwachen und die letztendliche Erfahrung des Göttlichen in uns. Diese Erfahrung unserer grundlegenden Göttlichkeit bringt einen Frieden des Geistes, der über das Verständnis hinausgeht und uns Freude, Freiheit und Furchtlosigkeit schenkt. Die Wissenschaft des authentischen Yogas lehrt uns also, wie wir uns richtig in unserem Körper einrichten, wie wir die Sinne veredeln und kontrollieren, wie wir unser Herz und unseren Geist reinigen und trainieren und wie wir die schlummernde Göttlichkeit in uns entfalten.

Wo dieser Prozess stattfindet, gibt es den authentischen Yoga. Wenn dieser Prozess nicht stattfindet, gibt es keinen Yoga. Man lebt nur dann wirklich, wenn diese innere Entwicklung stattfindet. Wenn nicht, lebt man sein Leben nicht wirklich: Man hat seinen Weg verloren und wandert umher. Das Leben ist eine zielgerichtete Bewegung in Richtung göttlicher Vollkommenheit und spiritueller Erleuchtung. Das Leben ist eine kluge und gut geregelte Bemühung, die zur Selbsterkenntnis führt.

Das ernsthaft praktizierte Hinterfragen zeigt den vergänglichen Charakter all dessen, was es in dieser Welt gibt. Alle Dinge sind vorübergehend und vergänglich. Sie sind unbeständig und verändern sich dauernd. Sie sind endlich und begrenzt in Zeit und Raum und unsere Verbindung mit ihnen muss eines Tages enden. Wenn diese Erkundung uns die Wahrheit über die äußeren Objekte enthüllt, werden wir weise. Es ist töricht, diesen vergänglichen Objekten hinterherzulaufen und von ihnen Glück zu erwarten. Ein weiser Mensch wird sich nicht mehr von ihrem attraktiven Äußeren täuschen lassen. Er wird etwas suchen, das beständig und unveränderlich ist. Es ist genau diese unvergängliche Essenz, die wir die Höchste Realität nennen.

Ein Prinzip des Yogas ist die ständige innere Aufmerksamkeit und die Wachsamkeit gegenüber allem, was einen zurückwerfen könnte. Wer sich auf dem Pfad des authentischen Yogas befindet, kann es sich nicht leisten, bei einer Unachtsamkeit ertappt zu werden. Man sollte sich ununterbrochen bewusst sein, was man gerade tut. Aus diesem Bewusstsein heraus entsteht eine Wachsamkeit, die einen davon bewahrt, vom Pfad abzuweichen. Die Erkenntnis über unsere wahre Natur erhöht außerdem das innere Trachten nach der Erreichung des Ziels.

Nur in der ewigen Wirklichkeit gibt es wahren Frieden und Freude. Dieses Nachdenken führt zur Abkehr von der vergänglichen Welt der vorübergehenden Erscheinungen, zum Erwachen einer neuen Weisheit und zu einer großen inneren Stärke. Man erhält die Kraft, der Verlockung der äußeren Objekte zu widerstehen, und man erhebt sich über das Verlangen nach ihnen. Dieses Stadium wird Vairagya oder Fähigkeit zum inneren Loslassen genannt. Die suchende Seele, obwohl inmitten der Welt der Objekte, entwickelt eine innere Sachlichkeit. Vairagya ist ein sehr wichtiges Prinzip des authentischen Yogas, denn es ist dieses innere Loslassen, das es einem ermöglicht, der Meister seines eigenen Lebens zu werden. Die Dinge können einen solchen Menschen nicht mehr versklaven und die Versuchungen können ihn nicht überwältigen und nach unten ziehen. Die Kraft, die aus dem erworbenen Verständnis und klarer Wahrnehmung hervorgegangen ist, befähigt ihn, diesen Versuchungen zu widerstehen.



Swami Chidananda war einer der größten Yogis des vergangenen Jahrhunderts. Als Präsident der Divine Life Society bereiste er alle Kontinente und zog mit der Klarheit seiner Vorträge und mit seiner Liebe zu allen Menschen Tausende Westler in seinen Bann. Es ist das erste Buch dieses Autors, das in deutscher Übersetzung erschienen ist.

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