• Alan P. Stern

Der Westen am Scheideweg

Die von uns im Westen eingeleitete Zerstörung der Natur ist ein Prozess, den wir nicht aufhalten werden, wenn wir unseren Lebensstil fortsetzen. Wir verbrauchen die Ressourcen der Erde unumkehrbar und verwandeln sie in Müll. Mit einer erschreckenden Energie versuchen wir, uns selbst zu Konsumenten zu degradieren. Wir lassen eine Generation heranwachsen, die Gewalt übt, bevor sie Liebe lernt, deren Gehirne wir mit Bildern zumüllen, ohne ihnen eine Chance zu geben, die Schönheit der eigenen Fantasiebilder zu entdecken. Unsere westliche Welt (ja, die ganze Erde) ist einer Erosion ausgesetzt und kann durch die aufkommenden Gewitter und Überschwemmungen weggetragen werden.




Macht euch die Erde untertan


Unsere Zivilisation war bei ihrem Bestreben, die Ressourcen der Natur zur Wohlstandsvermehrung zu nutzen, extrem erfolgreich. Wir wissen, wie man die in der Materie gespeicherte Energie nutzt, wie man die physikalischen Gesetze für die Herstellung von unzähligen Geräten und Technologien verwendet, die uns helfen, unsere Bedürfnisse, Wünsche und Launen zu erfüllen. Gott selbst habe uns diesen Weg aufgezeigt. Er sagte uns: „Macht euch die Erde untertan.“, und wir taten es eifrig.

Ist es wirklich das, was uns der Gott des Alten Testaments auf unseren Weg mitgegeben hat? Haben wir die Aufforderung richtig verstanden? Sie ist nicht wörtlich, sondern metaphorisch zu verstehen. Der Sinn des menschlichen Lebens liegt darin, die Gesetze der Natur im Inneren zu transformieren und auf eine neue Ebene zu heben. Aus dem „Fressen und Gefressenwerden“ wird im Menschen Sanftmut. Aus den animalischen Freuden des Essens und Kopulierens werden im Menschen die Freuden des Geistes und der Seele. Aus dem Revierverhalten des Tieres, das in der Gier weiterlebt, wird im Menschen Mitgefühl. Das war die Aufforderung des Alten Testaments, das wie alle heiligen Schriften nur im übertragenen Sinne wirklich verstanden werden kann. Es war nicht die Aufforderung, die Erde so anzupassen, dass sie besser der Gier und der Sinnesbefriedigung dient.

Das Leben auf unserem Planeten hat seine Regeln, seinen Rhythmus und seine Wechselwirkungen. Wir leben aber so, als ob wir diesen Zusammenhängen und Zyklen nicht unterworfen wären. Wenn wir das Verständnis für das Leben als etwas Heiliges und für die Natur als etwas Ganzes, in dem wir Menschen nur einen bestimmten Platz einnehmen, nicht erlangen, werden uns die Natur und ihre Regeln wegspülen und mit dem, was nach der Überschwemmung übrig bleibt, neu anfangen.

Wir können – und wahrscheinlich müssen auch – die Oberfläche unseres kleinen Planeten verändern. Es wäre auch nichts an den Städten aus Beton oder am globalen Zugang zu digitalisierten Inhalten auszusetzen, solange sie derart gestaltet und betrieben werden, dass sie das Leben der Natur und das Wachsen im Inneren des Menschen nicht behindern. Wir müssen uns wirklich dringend nach dem Ziel des Ganzen fragen.


Nüchterne Bilanz


Unser Ziel ist die Vermehrung des Vergnügens gewesen: des körperlichen, das aus der Befriedigung der Sinne kommt, und des geistigen, das von der Befriedigung der Neugier auf die äußere Welt und des Bedürfnisses nach Schönheit herrührt. Sind wir zufriedener geworden?

Wir haben uns voll auf ökonomisches Wachstum konzentriert. Nun haben wir den materiellen Wohlstand erreicht. Sind wir auch glücklicher? Leben wir ein erfülltes Leben?

Wir haben versucht, die materielle Welt zu verstehen, und haben die Wissenschaft entwickelt. Verstehen wir unser Denken, Fühlen, uns selbst besser? Können wir unsere wichtigsten Fragen besser beantworten?

Wir haben viele Regeln und verfeinern unseren Staat und unser Recht, um ihre Einhaltung zu überwachen. Haben wir uns moralisch weiterentwickelt? Sind wir bessere Menschen geworden?

Wir erzählen unseren Kindern, dass sie liebevoll, gut zu den anderen und wahrhaftig sein sollen, aber selbst leben wir im Wettbewerb und erwarten von allem und jedem eine Gegenleistung. Wenn die Kinder das durchschauen, werden sie egoistisch, aus Enttäuschung sogar egoistischer als wir selbst. Wir haben verlernt, mit der Haltung der Liebe und des Mitgefühls zu leben. Das ist eine ansteckende Krankheit. Es ist ein trauriges, bedauernswertes Leben, kalt und einsam. Es widerspricht allem, was wir uns wünschen.


Zivilisation neu denken


Wir wissen nicht wirklich, wie wir die Dynamik, die wir in Gang gesetzt haben, umkehren können. Wir sind wie Passagiere der ersten Klasse auf einer Titanic, deren Schicksal bereits feststeht – wir trinken nur unseren Champagner zu Ende.

Nicht nur unser Körper leidet zunehmend unter den Folgen unserer Zivilisation. Auch unsere Kultur wird seichter und flüchtiger. Glücklicherweise ist die Energie, die uns dazu treibt, nach dem Sinn unserer Existenz zu suchen, groß. Daraus ergeben sich in der Gesellschaft Tendenzen, die nach grundsätzlichen Veränderungen und Alternativen streben. Vielleicht ist das genau das Zeitfenster, das uns gegeben wurde, um unsere Zivilisation neu zu denken und zu gestalten, bevor die Natur sich gewaltsam ihren Raum zurückholt und bevor unser Gehirn und unser Geist so weit geschwächt sind, dass wir diese Leistung gar nicht mehr erbringen können und als Zivilisation aussterben. Nach allen derzeitigen Anzeichen ist dieses Zeitfenster nur eine bis zwei Generationen groß.