Religion für Schutz des Lebens

Aktualisiert: Juni 27


Es gibt derzeit fast 8 Milliarden Menschen und alle 12 Jahre kommt eine Milliarde dazu. Sie alle müssen essen. Sie haben das Recht darauf. Sie haben auch sonstige Bedürfnisse und Wünsche: Sie wollen bequem wohnen oder ihren Anteil an der Mobilität und Kommunikation haben. Auch das ist ihr Recht. Deswegen werden alle Maßnahmen zum Naturschutz verpuffen und auch dem Ziel, die Erderwärmung zu stoppen, werden wir endlos hinterherlaufen, wenn die Bevölkerung weiterhin zunimmt.


Kirche am See am Waldrand in der Natur


Bildung für die Welt


Nun ist das einzige Mittel, den Zuwachs der Bevölkerung zu begrenzen, das mir bekannt ist, die Bildung. Damit ist nicht nur das Wissen über die Verhütung gemeint. Auch und vor allem die Allgemeinbildung, das Verständnis über die Zusammenhänge der Welt und das Wissen über sich selbst, tragen automatisch dazu bei, dass Familien im Durchschnitt weniger Kinder bekommen.


Das ist ein Feld, auf dem wir im Westen viel mehr tun könnten: durch Zusammenarbeit mit den Gesellschaften des globalen Südens und durch finanzielle, technische, personelle Unterstützung der dortigen Bildungssysteme und der unterprivilegierten Bevölkerungsgruppen. Wir werden dabei besonders erfolgreich, wenn wir nicht als Besserwisser unsere westlichen Ansichten, unsere Kultur oder unser Weltbild den anderen zu vermitteln versuchen. Wir haben in diesen Regionen der Welt mit unserer Zivilisation und Kultur schon genug Schaden eingerichtet.


Radikale Verbesserung des Bildungsniveaus in den armen Ländern ist die wirksamste Maßnahme gegen die Naturzerstörung.

Was wir aber mittlerweile ganz gut können, ist es, die wissenschaftlich ermittelten Fakten darzulegen und Zusammenhänge zu erklären, die aus diesen Fakten resultieren. Was mit diesem Wissen anschließend geschieht, soll uns zuerst nicht beschäftigen. Die lokalen Gemeinschaften und ihre Meinungsbildner werden diese Bildung auf ihre Weise in die dortigen Kulturen integrieren.


Zusammenarbeit der Religionen


Diese Hilfe soll durch unsere Regierungen koordiniert und finanziert werden. Trotzdem könnten zusätzlich die christlichen Kirchen bei dieser Aufgabe eine entscheidende Rolle übernehmen. Warum?


Um das zu verstehen, müssen wir uns einen entscheidenden Fakt vor Augen führen: Das Verhalten der Menschen außerhalb des Einflussbereiches der westlichen Kultur wird stark von ihrer Religion bestimmt. Ohne dass die dortigen religiösen Autoritäten und Institutionen mitmachen, werden wir bei so delikaten Themen wie Geburtenkontrolle und Selbstbestimmung der Frauen nicht viel erreichen.


Wir brauchen dringend einen weltweit gültigen moralischen Kodex für den Schutz der Erde. Nur die Religionen können ihn etablieren und mit Leben füllen.

Hier gäbe es ein großes Feld, das die Kirchen bespielen könnten, wenn sie einen ehrlichen, glaubwürdigen Dialog suchen. Das Thema dieses Dialoges wäre die alle Kulturen verbindende Ethik – eine Ethik der gesamten menschlichen Familie, die das Wohl der Menschen und der Schöpfung gleichermaßen im Fokus hat.


Und in dieser Beziehung haben wir mehr zu lernen als zu lehren. Die traditionellen asiatischen Religionen vertreten eine Weltsicht, in der die Menschen in die Natur und in das Wohl allen Lebens eingebunden sind. Sogar der jüngere Bruder des Christentums, der Islam, besitzt eine reiche mystische Tradition, für die Gott auch in der Natur präsent ist und die nicht wie die Mystik des Christentums eine von der Kirche gerade noch geduldete Existenz am Rande führen musste. Wenn wir dies zugeben und uns als Schüler, als Gleiche unter Gleichen in die Schulbank setzen, werden die anderen mit uns ins Gespräch kommen. Wir alle, die gesamte Menschheit, müssen lernen: sehr viel und in einer sehr kurzen Zeit. Das können wir nur miteinander in einem demütigen und ernst gemeinten Prozess tun.


Töte nicht


Die Landwirtschaft zerstört den Planeten mehr als jede andere menschliche Aktivität. Die Fleischproduktion und der industrielle Anbau vernichten nicht nur das Leben in der Natur – sie machen die Erde für uns auch unfruchtbar.

Ähnliches Umdenken und denselben Lernprozess müssen wir beim Fleischkonsum anstoßen. Die vom Menschen genutzten Tiere (die Bezeichnung „Nutztiere“ spricht Bände über unsere Einstellung zur Natur) mit allen direkten und indirekten Folgen für die Umwelt verursachen mehr Treibhausgase als andere Bereiche unserer Zivilisation.


Dieses Umdenken kann und muss ebenso auf beiden Ebenen geschehen. Der Staat könnte z.B. im ersten Schritt per Anordnung verbieten, Tierfutter, Nutztiere und Fleisch nach Deutschland zu importieren. Diese Importe sind eine der größten Ursachen für Bodendegradation, Urwaldzerstörung und Wasserverschmutzung überall auf der Welt. Die Fakten zu kennen, die Macht, etwas zu unternehmen, zu besitzen und trotzdem nicht zu handeln, ist grob fahrlässig. Es ist ein Verbrechen an den kommenden Generationen.


Aber auch hier könnten sich die Kirchen dieses schwierigen Themas annehmen. Dabei hilft nur eins: klar zu artikulieren, dass vegetarische Ernährung nicht nur für die Erhaltung der Natur notwendig, sondern auch unter dem moralischen Gesichtspunkt richtiger ist als Tiere zu töten – ganz besonders, wenn man im Überfluss lebt. Und wiederum könnten wir darüber eine Menge von den asiatischen Religionen lernen, ganz besonders von Hinduismus und Buddhismus. Das Gebot, alles Leben nach Möglichkeit zu schützen, wird sich vermutlich sowieso aus dem ethischen Dialog mit den anderen Religionen herauskristallisieren.


Wir brauchen eine Ethik des Lebens. Die christlichen Kirchen müssen sich mit ihrem ganzen Gewicht in die Diskussion über diese Ethik einbringen.

An diesem Punkt würden sich die beiden Themen treffen und dem Dialog der Religionen noch mehr Gewicht verleihen. In Anbetracht der Biodiversitätskrise und der Erderwärmung geht es um alles oder nichts. Wenn wir einen friedlichen Umbau unserer Zivilisation schaffen wollen, müssen sich auch die christlichen Kirchen mit ihrem ganzen Gewicht einbringen. Es wäre für sie übrigens eine große Chance, wieder im Zentrum des gesellschaftlichen Geschehens zu sein und die Lehren ihres Begründers, Jesus, relevant für das Leben und Überleben der Mehrheit der Menschen im Westen zu machen.


Die Botschaft der Hoffnung


Das Christentum begreift sich als eine Religion der Hoffnung. Es verkündet den Menschen Hoffnung auf eine bessere Existenz nach dem Tod des Körpers. Menschen brauchen allerdings auch die diesseitige Hoffnung – jetzt vielleicht mehr denn je.


Die letzten zig Jahre dachten wir, unser Leben gut unter Kontrolle zu haben. Große Unsicherheiten waren beseitigt und man konnte sich mit der Planung seines Lebens beschäftigen, auch ohne auf die Hoffnung angewiesen zu sein. Die Situation heute ändert sich gerade dramatisch. Wir müssen mit Naturkatastrophen rechnen, mit Kriegen wegen der knapp werdenden Ressourcen und mit Demagogen, die uns unsere Demokratie stehlen könnten. Menschen brauchen jetzt dringend Hoffnung auf ein gutes, erfüllendes Leben hier auf Erden: für sich selbst und ihre Kinder und Enkelkinder.


Durch entschiedene Worte, moralisch kompromisslose Positionen und vor allem durch konkretes gesellschaftliches Handeln könnten die Kirchen an lokalen Lösungen arbeiten und gemeinsam mit anderen Religionen auch aktiv nach globalen Lösungen suchen. Sie würden dadurch einen neuen Hoffnungsethos schaffen, den wir als Einzelne und als Gesellschaft so sehr brauchen.


Sie sind dazu prädestiniert, in unser aller Namen „mea culpa“ zu sagen, dann aber eine hoffnungsvolle Botschaft zu verkünden: Gott gab uns Herzen und Köpfe und erschuf uns als Sein Bild sicher nicht dafür, dass wir uns selbst und Seine Schöpfung zerstören. Wir müssen nur anfangen, mit unseren Herzen und Köpfen etwas Besseres anzustellen als Selbstliebe und eine Logik der Gier. Die Botschaft Jesu ist: „Liebe deine Nächsten und liebe Gott und Seine Schöpfung.“ Sein ganzes Leben sagt uns außerdem: „Und tue gefälligst etwas dafür!“ Weil wir heute auf einem langsam sterbenden Planeten leben, brauchen wir diese Botschaft mehr als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit.


Ja, wir haben Fehler gemacht und wir wollen sie auch klar benennen. Dann aber ist es an der Zeit, gemeinsam an einer neuen Hoffnung zu arbeiten.

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