Grönland, Ego und Systemdenken
- Continentia
- vor 5 Tagen
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Wir sprachen mit dem Autor Alan P. Stern über Grönland, denn seine Prognose von Anfang 2025 scheint sich zu bewahrheiten.

Continentia: Herr Stern, als ich die neuesten Aussagen aus Washington über Grönland hörte, musste ich an Ihren Artikel „Wachsende Ungleichheit und die Demontage der Gesellschaft“ vom April letzten Jahres denken. Dort haben Sie geschrieben: „Ich sage z. B. schon heute voraus, dass, nachdem die USA Grönland annektiert haben, unsere Regierung sich zwar empört äußern, ihre internationale Politik aber nicht grundsätzlich ändern wird.“ Haben Sie eine Kristallkugel auf Ihrem Schreibtisch stehen?
Stern: Nein. Ich nutze einfach diese mangelhafte Quasikugel, die Gott mir auf diesen Hals gesetzt hat. Sie ist alles andere als kristallklar, aber durchaus von Nutzen. Ich ermutige alle und jeden, sie möglichst oft zu benutzen…
Continentia: Warum will die USA Grönland annektieren?
Stern: Es ist eine einfache Beute mit großem Wert.
Continentia: Wir hören verschiedene Erklärungsversuche, aber keiner scheint abschließend, keiner ganz überzeugend. Warum ist Grönland für die USA so wertvoll?
Stern: Welche Erklärungen werden heute in den Medien gehandelt?
Continentia: Bodenschätze zum Beispiel.
Stern: Ja, Grönlands Erde verbirgt Seltene Erden, Uran, andere Metalle, Gold…, aber sie liegen unter der Eisschicht im tiefgefrorenem Boden. Ihr Abbau wäre teuer.
Continentia: Wirtschaftlich ist Grönland also nicht interessant.
Stern: Bis auf einen Aspekt. Die Insel liegt sehr weit im Norden, was sie zu einem idealen Standort für die Kommunikation mit Satelliten macht, die die Erde in polaren Umlaufbahnen umkreisen. Das ist für die digitale Zukunft wichtig und wird noch wichtiger werden. Zusammen mit der Tatsache, dass Grönland relativ nah am nordamerikanischen Kontinent liegt und deswegen gut mit Lichtwellenkabeln angebunden werden kann, macht dies die Insel für ein Land, das seine digitale Dominanz verteidigen möchte, sehr attraktiv. Dies ist ein gewichtigeres wirtschaftliches Argument als die Seltenen Erden.
Die Dänen und die Grönländer wären jedoch offen für eine weitere Zusammenarbeit mit den Amerikanern, auch unter deren Bedingungen. Das ist also kein Grund, die Insel zu annektieren.
Für die Regierung in Washington D.C. gibt es etwas Wichtigeres: Die USA denken, dass sie in der Arktis Russland und China Paroli bieten müssen – vor allem militärisch, aber auch wirtschaftlich. Sie betiteln es als US-Sicherheitsinteressen. Dabei haben die Dänen den Amerikanern schon vor zig Jahren freie Hand gegeben, was ihre militärische Präsenz auf der Insel betrifft. Die USA könnten ihre militärischen Einrichtungen dort jederzeit nach Belieben ausbauen, tun es aber nicht.
Continentia: Warum also?
Stern: Ich sehe zwei Gründe, die wirklich zählen. Der erste ist schlicht das Ego. Der Präsident würde sich wie ein Ausnahme-Staatsmann fühlen, der als Regierungschef in die Geschichte seines Landes eingeht, weil er die Fläche des Landes um 22 % vergrößert hat.
So, wie ich ihn einschätze, sucht er stets das Gefühl der Überlegenheit. Er will sich wie der stärkste Mann der Welt fühlen, den alle fürchten, den alle als den Primus Palus oder noch besser als den Jupiter selbst betrachten. Er will größer sein als Xi Jinping und Wladimir Putin sowieso. Das wäre sein Triumphmoment. Er könnte mit dem Gefühl einschlafen, dass die beiden ihn insgeheim bewundern. Das ist schon Grund genug.
Außerdem würde er seinen Anhängern etwas liefern, bei dem Amerika first ist, und er könnte von dem Scheitern seiner Innenpolitik ablenken. Das ist ihm wichtig, auch politisch, aber vor allem psychologisch, denn es würde seine Selbstsicherheit stärken. Der männliche Narzissmus muss ständig genährt werden, sonst fängt er an, sich unbequem anzufühlen.
All dieses Denken und Bestreben kann man übrigens auch auf die Leute übertragen, die im Kielwasser des Präsidenten ihre eigenen Interessen verfolgen. Herr Trump ist ein auffälliger und lauter Vertreter eines Systems. Der Korridor, in dem sich die USA bewegen, wird von diesem System festgelegt.
Continentia: Und der zweite Grund?
Stern: Die USA sind pleite und steuern auf ein Desaster zu. Bald werden sie kein neues Geld mehr über ihre Staatsanleihen eintreiben können. Grönland könnte als neue Sicherheit, als neues Asset, dienen und die USA etwas kreditwürdiger machen.
Ein Zusammenbruch der Finanzmärkte liegt nicht im Interesse des Finanzkapitals, das die Fäden im politischen System der USA zieht. Bisher konnten die Interessen der Superreichen stets dadurch gerettet werden, dass sich der Staat beliebig hoch verschulden konnte. Diese Zeiten neigen sich dem Ende zu. Assets wie Venezuela und Grönland könnten sie verlängern.
Wenn die nächste Blase an der Wall Street platzt und der Staat sie nicht durch Bailouts und Gelddrucken stützt, würden auch die Ersparnisse vieler Wähler der Republikanischen Partei geschmälert und die resultierende Inflation einen Großteil der Bevölkerung verarmen lassen. Präsident Trump hat dafür gesorgt, dass seine Machtposition sehr stark ist, aber sie wäre in einer solchen Lage trotzdem nicht unerschütterlich.
Die USA werden Grönland annektieren, weil die Regierung es als ein Asset betrachtet, das dem Erhalt der globalen Dominanz der USA dient.
Continentia: Inwieweit wird die Politik der USA von großem Geld bestimmt?
Stern: Für alle praktischen Zwecke kann man davon ausgehen, dass sie ganz der Anhäufung von Reichtum gewidmet ist. Alles, was die Regierung und das gesamte Machtgefüge tun, dient entweder direkt diesem Ziel oder dient als Ablenkung, um dieses Ziel zu verschleiern. Das wichtigste Handlungsfeld ist dabei die internationale Arena, wenn man das innenpolitische Feld (das politische System, den Kapitalismus, die Konzentration der Macht) als gegeben betrachtet. Warum? Weil man, um Billionen zu verdienen, den ganzen Globus benutzen muss.
Continentia: Das ist nicht das erste Mal, dass Sie richtige Vorhersagen treffen. Wie kommen Sie zu Ihren Schlüssen?
Stern: Die Reaktionen und Entscheidungen von Menschen sind nicht schwer vorherzusehen: Sie folgen ihren Begierden, Eigeninteressen und ihrer Gier, ihren Emotionen, ihrem Stolz, ihrem Hass und ihrer Vernarrtheit, ihrem Ärger und all dem ganzen Zoo, der die Köpfe der Menschen füllt. Hat man zudem das richtige Modell des menschlichen Geistes mit seinen verschiedenen „Instrumenten” und den Beziehungen zwischen ihnen, weiß man nach einiger Beobachtung des betroffenen Menschen fast immer, wie er handeln wird.
Menschen handeln so, wie es ihre Begierden, egoistischen Interessen, ihr Stolz usw. diktieren. Die Handlungsfreiheit von Politikern ist sogar noch eingeschränkter, da das politische System eine Selektion zum bestimmten Denken und Handeln vollzieht.
Wenn es um Politiker geht, ist zusätzlich das Verständnis der Dynamiken des Systems, in dessen Rahmen sie an die Macht gekommen sind und in dessen Interessen sie handeln, notwendig. Hat der nüchterne Beobachter ein solches Verständnis, werden die Politiker für ihn sogar transparenter als andere Menschen. Man könnte also sagen, dass Politiker als Analyseobjekte langweilig sind – wenn nicht unser Leben von ihrem Verhalten und ihren Entscheidungen abhängen würde.
Continentia: Herr Stern, danke für das Gespräch.
Alan P. Stern ist ein Systemdenker und praktischer Philosoph. Akademisch in naturwissenschaftlichen wie auch in praktisch-wirtschaftlichen Fächern ausgebildet, arbeitete er als Manager und Unternehmensberater.
Im Jahr 2019 erschien sein Buch „Redesigning Civilization; wie erschaffen wir die westliche Zivilisation neu?“
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