• Alan P. Stern

Gott und die Welt

Ich sprach heute mit einer Grundschullehrerin, die u. a. Religion unterrichtet. Sie fragte mich: „Wie soll ich den Kindern Gott erklären? Was antworte ich, wenn ein Siebenjähriger behauptet, dass es Gott nicht gibt?“ Ich fand keine zufriedenstellende Antwort auf diese Fragen.

Ich begann darüber nachzudenken, wie man Gott erklären kann. Wie man es gegenüber den Erstklässlern tut, weiß ich immer noch nicht. Wahrscheinlich sagt man, dass Gott die Kraft hinter der Liebe und Güte ist und dass die Religion uns die Aufgabe auferlegt, ein guter Mensch zu sein. Wie würde ich aber einem Astrophysiker oder einem Gehirnforscher Gott erklären?




Die erste Ursache


Das Problem aller Religionen, die auf einer Verkündung beruhen, ist, dass wir uns Gott als eine Person, einen allmächtigen Mann vorstellen, der die materielle Welt erschaffen hat und steuert. Dass der Fortschritt der Naturwissenschaften diesen Mann von seinem Thron stürzen musste, liegt auf der Hand. Die Veden und ganz besonders der Vedanta erklären die Welt deutlich klüger: Die mit den Sinnen erlebbare Welt ist aus Reinem Bewusstsein entstanden, einer Art „Energie“ oder Kraft, die im Vergleich mit der Materie unvorstellbar fein ist. Das Reine Bewusstsein ist allgegenwärtig und ewig. Im ersten Schritt entstanden Akasha und Prana: der Raum und die Mutter aller Energie und jeglicher Bewegung. In einem langen und immer noch andauernden Prozess bildeten sich aus der Wechselwirkung von Akasha und Prana zuerst die Materie und die in ihr herrschenden Kräfte, dann das Leben und der Mensch aus.

Gott des Vedanta und die Welt


Das Reine Bewusstsein, Gott, die erste Ursache und der eigentliche Stoff des Universums, ist in der Schöpfung präsent – das Bewusstsein ist eins mit ihr und in allem, was existiert, vorhanden. In lebenden Organismen ist Es deutlicher manifestiert – umso mehr, je höher die Lebensform. Der Mensch hat sogar das Potenzial, durch eigene Anstrengung in seinem Bewusstsein zu wachsen, bis er eins mit dem kosmischen Bewusstsein wird. Dann ist der Prozess abgeschlossen.

So verstandener Gott löst sich nicht auf, wenn die Naturwissenschaften ihre Entdeckungen machen. Im Gegenteil, Er liefert uns die Erklärung für alle ungelösten Fragen: Wie kam es zum Urknall? Wie ist das Leben aus unbelebter Materie entstanden? Woher kommt das Bewusstsein? Die Güte, die selbstlose Liebe, die Achtung vor jedem Leben, das uneigennützige Handeln sind dann keine unerklärten Beiprodukte des Evolutionsprozesses mehr, sondern zwingend und der Zweck des Ganzen.

Die Wurzel der Naturzerstörung


Was hat das alles mit unseren gegenwärtigen Problemen zu tun? Hilft uns das, die Klimaerwärmung zu verlangsamen oder unsere offene, solidarische und demokratische Gesellschaft zu erhalten? Ich denke, ja.

Ich meine sogar, dass das die Voraussetzung für jede dauerhafte Problemlösung und für einen zukunftsfähigen Westen ist. Warum? Unser Weltbild führte uns zwingend zum Materialismus. Als Beilage kamen der Egozentrismus und Egoismus. Das Ergebnis war die Rücksichtslosigkeit beim Ausbau der Wirtschaft, bei der Ausnutzung der Natur für unsere egoistischen Zwecke. Die Wurzel unserer gegenwärtigen Probleme liegt in unserem Denken: im Welt- und Menschenbild.