• Alan P. Stern

Mutter Erde

Der Fehler, der zur Zerstörung der intakten Natur geführt hat, liegt in unserem Weltbild. Auch darüber hinaus sind alle unsere Krisen, von der Erderwärmung bis zu den politischen Spannungen, nur Symptome tiefer liegender Krankheit: dem bei uns im Westen entwickelten Verständnis der Natur und des Menschen.




Spirituelle Ökologie


Kürzlich nahm ich an einem Online-Symposium unter dem Motto „Spirituelle Ökologie“ teil. Der Titel der Veranstaltung lautete: „Global Mind Change – Dialogs on Spiritual Ecology and Transforming Individual and Planetary Consciousness”. Organisiert war es von der Steven J. Green School for International & Public Affairs an der Florida International University. Es war augenöffnend zu hören, wie die Vertreter völlig unterschiedlicher Kulturen mit einer Stimme sprachen. Diese Stimme hatte eine Botschaft für uns, für die Menschen im Westen, die sich Gedanken über den Klimawandel und den Umweltschutz machen. Diese Botschaft möchte ich mit Ihnen teilen.


Der Mensch und die Natur sind eins


Swami Atmavidyananda Giri, der Vizepräsident des Kriya Yoga Instituts, nannte gleich zum Auftakt die Ursache der gegenwärtigen Situation beim Namen: Der heutige Mensch versteht sich als der Besitzer der Erde. Die Natur ist aber göttlich, genauso wie wir, und wir dürfen sie nicht missbrauchen. Wenn wir sie aus Gier ausbeuten, schaden wir uns selbst. Würden wir die Einheit mit allem, was lebt, in unseren Herzen fühlen, verletzten wir die Natur nicht. Diese Einheit ist göttlich – ja, sie ist Gott selbst: Jedes Leben ist mit demselben Bewusstsein durchdrungen.


Unsere Mutter Erde ist genauso göttlich wie ihre Kinder. Wir haben dieses Bewusstsein verloren und das wird uns zum Verhängnis.

Wenn wir diese Sicht auf die Natur nicht wiedergewinnen, bleiben alle unsere Bemühungen um den Umweltschutz erfolglos. Wir müssen in das Ökosystem erneut Gleichgewicht bringen. Wir müssen lernen, in Harmonie mit der Mutter Erde zu leben. In Wirklichkeit sind wir ein Teil dieser allumfassenden Harmonie. Erst wenn wir das begriffen haben, werden wir aufhören, der Erde zu schaden.


Die WIR-Ökologie


Dr. Melissa K. Nelson von der Arizona State University und Mitglied des Anishinaabe-Stammes sprach darüber, dass wir unser Denken entkolonialisieren müssen. Die Anishinaabe-Indianer sprechen über ein Monster, das mehr an sich selbst denkt als an die anderen, das von Gier und Eroberung besessen ist und deswegen alles zerstört. Unsere Zivilisation ist so ein Monster geworden.

Unser Verhältnis zur Natur und zueinander muss eines des Teilens, der Verwandtschaft, der Gegenseitigkeit und der Großmut werden. Wir können damit anfangen, dass wir eine Beziehung zu dem Stück Erde aufbauen, auf dem wir leben. Aus dieser Geisteshaltung entstehen Gemeinden und unser Weltbild verändert sich vom individualistischen zum gemeinschaftlichen. Daraus entwickelt sich eine Ökologie, die auf dem Miteinander basiert.


Wir alle sind verwandt: alle Menschen und alle Lebewesen. Wir müssen eine Beziehung zu dem Stück Natur, das uns ein Zuhause bietet, und zueinander aufbauen.

Die Natur ist ein heiliges Ganzes. Ihre Gesetze sind vorrangig vor den menschengemachten Gesetzen. Wir müssen wieder lernen, das Gleichgewicht als einen der höchsten Werte zu ehren. Dafür werden wir Demut brauchen.


Spiritueller Selbstmord des Menschen


Seyyed Hossein Nasr, Professor an der George Washington University, wies darauf hin, dass die ökologische Krise ein Ergebnis der westlichen Denkweise ist. Sie entspringt dem Paradigma der modernen Wissenschaft und Technologie. Das Wort „Entwicklung“ beispielsweise erhielt erst im 17. Jahrhundert in Westeuropa seine heutige Bedeutung von Wachstum, von Expansion. Dieses Paradigma wurde im 19. Jahrhundert durch die Evolutionstheorie noch verstärkt. Das Desaster der Umweltzerstörung gibt es nur, weil wir ein unendliches Wachstum in einer endlichen Welt unterzubringen versuchen. Die Natur ist gegen Expansion. Sie ist auf Gleichgewicht aufgebaut.


Die eigentliche Ursache unserer gegenwärtigen Probleme liegt in dem spirituellen Selbstmord des Westens.

Die eigentliche Ursache der Naturzerstörung liegt in dem spirituellen Selbstmord des modernen Menschen, der im Westen vor 300 Jahren begann. Das Göttliche ist nicht nur der Kern jedes Menschen, sondern auch in der gesamten Welt präsent. Der Mensch braucht eine Beziehung zu Gott, zur Natur und zu anderen Menschen. Ohne diese Beziehung wird es keine Lösung für das Desaster geben. Man kann das Problem nicht innerhalb des Denkparadigmas lösen, das dieses Problem produziert. Wir versuchen Wirkungen zu ändern, ohne die Ursachen infrage zu stellen. Das wird nicht funktionieren.


Es gibt keine Teillösungen


Alle drei Redner schreiben uns etwas Wichtiges ins Stammbuch: Die Ursachen für die Zerstörung der Natur und für die gesellschaftlichen Spannungen liegen in unserer Denkweise. Es gibt eine kausale Kette zwischen dem materialistischen Weltbild und dem Sterben der Korallenriffe in Australien (wie Prof. Nasr es ausdrückte). Es kann keine Teillösung für die grundsätzlichen Probleme unserer Zivilisation geben. Je früher wir das begreifen, umso besser.

Scheideweg des Westens


PS: Die Anishinaabe-Indianer haben eine alte Prophezeiung über das „Siebte Feuer“:

"Zu diesem Zeitpunkt wird der hellhäutigen Rasse die Wahl zwischen zwei Wegen gelassen. Wenn sie den richtigen Weg wählen, dann wird das siebte Feuer das achte und letzte Feuer entzünden – ein ewiges Feuer des Friedens, der Liebe, Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit. Wenn die hellhäutige Rasse die falsche Wahl trifft, dann wird die Zerstörung, die sie mit sich brachte, als sie in dieses Land kam, auf sie zurückkommen und allen Menschen auf der Erde viel Leid und Tod bringen."

(Quelle: Edward Benton-Banai „The Mishomis Book”)