• Kilian Manger

Baum-Kunst und Kulturwandel – Vision eines kulturellen Wertewandels

Wäre es nicht schön, wenn uns ökologisch nachhaltiges Verhalten leichter fiele? Wenn es eine Selbstverständlichkeit wäre? Wenn frustrierende Diskussionen über Rentabilität, Effizienz oder Kosten-Nutzen-Rechnungen auf Kosten der Natur erst gar nicht in Erwägung gezogen würden? Wenn die Maxime der ökologischen Verantwortbarkeit nicht mehr mit niederen Prinzipien konkurrieren müsste? Wenn als gesamtgesellschaftlicher Konsens stets klar wäre, dass bei allen unseren Entscheidungen stets nur ökologisch vertretbare Alternativen in Frage kommen? Wie wäre es, in einer Gesellschaft zu leben, in der niemand über den Schutz unserer Ökosphäre verhandeln muss, weil diese kategorisch als vollumfänglich schützenswert, gar als „heilig“ betrachtet wird?




Eine solche Vorstellung empfinde ich als sehr angenehm und entlastend. In einer kulturellen Umgebung, in der ökologische Verantwortung neben dem Grundsatz der Menschlichkeit an oberster Stelle der gedachten und gelebten Wertehierarchie steht, würde ich gerne leben. Und ich glaube, eine solche Kultur des achtungsvollen und ehrfürchtigen Umgangs mit der uns beheimatenden Ökosphäre lässt sich errichten. Den Schlüssel dazu sehe ich in unserer tief verwurzelten Liebe zur Natur.


Kultur im Einklang mit der Natur kann ein wichtiges Mosaiksteinchen einer besseren Welt sein.

Ziel dieses Artikels ist es, einen Ansatz einer Anleitung zur Diskussion zu stellen, nach der wir als einzelne Individuen und miteinander als Weltgemeinschaft den Aufbau und die Entwicklung einer „Kultur der Nachhaltigkeit“ vorantreiben können. Handwerk und Kunst sollen uns dabei als Werkzeug dienen. Durch aktiv tätiges Eintauchen in die Welt der Bäume, als beeindruckende und erhabene, gar majestätische Vertreter der Pflanzenwelt, soll die Schönheit der Natur erfahrbar werden, ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit rücken, uns tief im Herzen ergreifen und in unserem Bewusstsein den Stellenwert eines prächtigen Schatzes einnehmen, der uns daran erinnert, dass wir Menschen diese Erde als Gäste bewohnen und uns als solche wertschätzend und dankbar im Umgang mit ihr zu verhalten haben.


Der pragmatische Ansatz


Alleine schon der regelmäßige bewusst liebevolle Kontakt mit unserer natürlichen Umgebung reicht meiner Ansicht nach aus, um Wertschätzung und unsere Achtung vor dem Biotop Planet Erde wachsen zu lassen. Kindliches Herumtollen auf Wiesen oder im Wald, das Lesen eines Buches draußen im kühlen Wind eines sonnigen Sommermorgens, ein bewusst gewählter Spaziergang im Regen, das Beobachten von Insekten und Käfern, das Steigen Lassen eines Drachens im Herbst, Wandern in den Bergen, das Betrachten einer Blume, das Singen am Lagerfeuer, das händische Anlegen und Bewirtschaften eines Gartens, das Meditieren unter einem Baum, gar ein Tanz in der wilden Natur oder alleine schon ein Gedanke daran – all das weckt unsere tiefe Sehnsucht nach harmonischer Verbundenheit mit den Geschöpfen der Pflanzen- und Tierwelt.


Das Heranwachsen in die Harmonie mit dem Biotop Planet Erde will geübt sein.

Neben dem Erinnern daran, dass all diesen Tätigkeiten die Kraft innewohnt, für dich in deinem Leben Quellen der Energie, Sprungbretter des Aufbruchs in ein neues Wertebewusstsein oder Momente der Besinnung und Umkehr darzustellen, will der vorliegende Artikel dir eine weitere bisher weniger bekannte Form des Agierens inmitten der Natur vorstellen: Das Bauen mit lebendem Gehölz.

Geben wir solchen Tätigkeiten der Muße und der Interaktion mit der Natur einen gebührenden Stellenwert in unserem Leben und räumen wir ihnen einen angemessenen Platz in unserem Alltag ein! Auf dass sie unser Denken und Handeln im Sinne der Wertschätzung unseres ökologischen Lebensraums befruchten.




Naturbauten und Baum-Kunst


Unter dem Handwerk des Bauens mit lebendem Gehölz verstehe ich eine Tätigkeit, bei der Bäume während ihres Wachstumsprozesses geformt werden, sodass aus ihnen im Laufe der Jahre ästhetisch interessante Naturmonumente, architektonisch-baulich zweckdienlich konstruierte Tragflächen und Räume oder erntereife Gegenstände wie beispielsweise Möbel oder Bilderrahmen entstehen. Ein solches Bauobjekt kann entweder aus einem einzigen Baum oder aus mehreren von Jahr zu Jahr immer stärker miteinander verwachsenden Bäumen der gleichen Baumart gebildet werden.


Die gewohnte Denkweise überwinden


Während wir üblicherweise Gegenstände aus Holz herstellen, indem wir über Jahre gewachsene Bäume fällen und zersägen, um sie im Anschluss wieder mit Schrauben, Nägeln oder Leim zusammenzusetzen, wählen wir beim Naturbauen den direkten Weg: Wir lassen die Bäume von Beginn an in der gewünschten Gestalt wachsen. Dies geschieht dadurch, dass junge, dünne und somit flexible Triebe, Zweige und Stämme an ein passendes Gerüst angebunden und somit in die richtige Form gebracht werden. Durch das Dickenwachstum der Bäume gewinnt diese lebende pflanzliche Konstruktion Jahr für Jahr an Größe und Stabilität.




Der offensichtliche ökologische Vorteil


Produktion ist in unserer industrialisierten Welt zurecht ein nicht selten emotional negativ besetzter Begriff. Unter der Produktion von Waren verstehen wir gewöhnlich einen Prozess, bei dem natürliche Ressourcen ausgebeutet, fossile Energieträger verbraucht, Umwelt verschmutzt, gesundheitsschädliche Abgase emittiert, Wasser verunreinigt, vormals fruchtbarer Boden versiegelt und demzufolge nach und nach unser natürlicher Lebensraum zerstört wird.


Die Herstellung von vielen Gebrauchsgegenständen kann im Einklang mit der Natur erfolgen.

Durch das Bauen mit lebendem Gehölz wird diese Destruktivität des menschlichen Handelns überwunden. An ihre Stelle tritt Einklang und Harmonie im konstruktiven Schaffen mit der Natur. Beim Bauen mit lebendem Gehölz wird durch die Photosynthese in den Blättern der Bäume Kohlenstoffdioxid aus der Luft entzogen und Sauerstoff gebildet. Es entsteht der Energieträger Holz. Wasser und Luft werden gereinigt und Humus wird aufgebaut. Das ermüdende Arbeiten unter künstlichem Licht in Fabrikhallen weicht einem wohltuenden gesundheitsförderlichen Handwerk an der frischen Luft. Am Stück gewachsene Holzgegenstände weisen eine durchgängige Faserstruktur auf und sind deshalb in der Regel stabiler als aus Einzelteilen zusammengesetzte Konstrukte. Langlebigkeit ist bei dieser natürlichen Produktionsweise eine selbstverständliche Begleiterscheinung.


Das Naturbauen als mentaler Prozess und spirituelle Praxis


Bis aus kleinen biegsamen Pflänzchen eine Baumstruktur mit dicken und tragfähigen Ästen herangewachsen ist, vergehen mehrere Jahre. Betrachtet man die natürliche Lebensdauer eines Baumes, kann man erahnen, dass zu architektonischen Zwecken errichtete Naturbauwerke ihre volle Größe je nach Baumart beispielsweise erst nach einhundert Jahren erreichen. Damit die Pflanzen anstatt zu verwildern eine definierte Form annehmen, bedürfen sie während der Jahre ihres Wachstums regelmäßiger Beachtung und Pflege. Dies fordert Geduld, Ausdauer und weitsichtiges Denken der gärtnerisch arbeitenden Menschen. Zielen die Künstler und Handwerker darauf ab, ein Naturbauwerk in der Größe ausgewachsener Bäume zu errichten, ergibt sich bei entsprechend gewählter Baumart ein Prozess, der die Lebensdauer eines einzelnen Menschen übersteigt. Ein solch wagemutiges Vorgehen verlangt generationenübergreifendes Vertrauen und schult damit unser vorausblickendes und weitsichtiges Handeln.


Wenn wir mir lebendigem Gehölz arbeiten, bereichert uns das auf vielfältige Weise.

Den eigentlichen Wert des Naturbauens sehe ich nicht alleine darin, dass wir Menschen Bäume formen. Der wahre Gewinn dieser Tätigkeit besteht meiner Auffassung nach darin, sich darauf einzulassen, das eigene Leben von den Bäumen formen zu lassen. Dadurch wird die Kunst des Bauens aus lebendem Gehölz zu einer unseren Charakter prägenden Erfahrung und zur spirituellen Praxis. Die von Stille, Besinnlichkeit und Vogelgesang begleitete Arbeit an und mit den Bäumen erlebe ich wie ein Gebet in der Natur.


Einen kulturellen Raum arrangieren


Kultur und tradierte Wertevorstellungen prägen die menschliche Wahrnehmung und beeinflussen das Einwirken der Menschen auf ihre Mitwelt. Welche Kultur, welche Geisteshaltung, welche Wertemaßstäbe und welches spirituelle Erbe werden wir den nach uns folgenden Generationen überlassen? Es liegt in unseren Händen.

Eine geistige Haltung der Genügsamkeit und der ökologischen Verantwortlichkeit ist erlernbar – sowohl für den einzelnen als auch für die Gesellschaft. Kann das Handwerk des Bauens aus lebendem Gehölz durch dich und mich zu gelebter Kultur heranreifen, die von Weitblick zeugt, Optimismus ausstrahlt, Hoffnung nährt und die menschliche Einbettung in ein brillantes und dennoch verletzliches Ökosystem ins Bewusstsein ruft?

Wenn du mehr über das Bauen mit lebendem Gehölz erfahren willst, kannst du als Hilfe für deine Recherche meine Linksammlung nutzen, die ich dir auf https://sites.google.com/view/baumkunstwerk/lernen zur Verfügung stelle.



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