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Wie arm sind die Deutschen?


Man hat uns so lange gesagt, dass wir in Deutschland reich sind, dass wir es irgendwann geglaubt haben, obwohl unsere Alltagserfahrung dem immer deutlicher widerspricht. Wir dachten, unsere eigene Erfahrung täusche uns. Die Statistiken werden uns schon die objektive Wahrheit sagen. Wissen Sie was? Ihre Ahnung war richtig!


leere Geldbörse


Es gibt einen interessanten Artikel von Ben Norton mit dem Titel „Americans are NOT wealthy: The truth about the US economy“. Der Autor nimmt den kürzlich veröffentlichten „Global Wealth Report“ der Schweizer Großbank UBS zum Anlass, um das weitverbreitete Mythos zu widerlegen, dass die US-Amerikaner reich sind. Der Artikel ist sehr gut und ich empfehle ihn Ihnen.


Als Deutscher habe ich bei der Betrachtung der enthaltenen Tabellen vor allem darauf geachtet, wo wir im internationalen Vergleich stehen. Was ich gesehen habe, hat mich zu weiteren Recherchen veranlasst. Das Ergebnis hat mich schockiert: Die Deutschen sind nicht reicher, sondern ärmer als die Spanier oder Slowenen. Gehen wir die Fakten gemeinsam durch.



Die Deutschen werden ärmer

 

Wenden wir uns also dem aktuellen Bericht der UBS zu. Darin wird das Vermögen der Menschen in allen Ländern der Welt verglichen. „Vermögen” umfasst den Wert der finanziellen Vermögenswerte und Sachwerte (vor allem Wohnimmobilien) im Besitz von Privatpersonen, abzüglich ihrer Schulden. Es umfasst somit alles, was Menschen besitzen, von Geld über Häuser und Wohnungen bis hin zu Wertpapieren und Versicherungsprodukten. Der Bericht beantwortet die Frage, wie reich die Menschen in den verschiedenen Ländern sind und wie sich ihr Reichtum entwickelt.

 

In den Medien wird uns immer wieder gesagt, dass Deutschland ein reiches Land ist. Und auch die Deutschen sind reich, wenn man sie mit den anderen Nationen vergleicht, oder?

 

Diese Medienberichte stützen ihre Behauptungen auf Durchschnittswerte. Dazu werden alle privaten Vermögenswerte eines Landes addiert und die Summe durch die Anzahl seiner Bürger geteilt. Bei dieser Rechnung belegen wir weltweit den 14. Platz. Das bedeutet, dass jeder erwachsene Deutsche im Durchschnitt 346.613 US-Dollar besitzt. Ein arithmetischer Durchschnitt sagt jedoch wenig darüber aus, was ein durchschnittlicher Deutscher tatsächlich besitzt. Wenn von elf Personen zehn 10.000 besitzen, die elfte jedoch hundert Millionen, liegt der Durchschnitt bei 9,1 Millionen. Trotzdem haben praktisch alle nur 10.000 Euro.

 

Um sich der Realität zu nähern, muss man den Median betrachten. Das ist die exakte Mitte eines jeden Datensatzes. Bei elf Datensätzen liegen fünf darüber und fünf darunter. In unserem Beispiel beträgt der Median 10.000 Euro. Das sagt uns viel mehr darüber aus, was ein durchschnittlicher Mensch besitzt, als der arithmetische Durchschnitt von 9,1 Millionen Euro.

 

Beim Median liegt Deutschland auf dem letzten Platz – Rang 30: Der durchschnittliche erwachsene Deutsche besitzt ein Vermögen von 53.485 Euro.

 

Zum Vergleich:

ein durchschnittlicher Luxemburger besitzt 7,4-mal so viel, nämlich 394.005 Euro.

ein durchschnittlicher Belgier besitzt 5,2-mal so viel,

ein Däne 3,8-mal so viel,

ein Italiener 2,5-mal so viel,

ein Spanier mehr als das Doppelte,

ein Ire 1,8-mal so viel,

ein Slowene 52 % mehr,

ein Portugiese 44 % mehr

und ein Grieche 11 % mehr.

 

Unter den westlichen Ländern sind die Deutschen am ärmsten, wenn man den Durchschnitt richtig anwendet. Sie sind auch ärmer als die Menschen in Hongkong, Japan, Taiwan, Südkorea, Singapur, Katar und Israel.

Und wie sieht der Trend aus? In den Jahren 2020–2025 ist der arithmetische Durchschnittswert in Deutschland um 12 % gewachsen, der Median jedoch um 20 % gefallen. Während einige wenige reicher werden, sind Sie, ich und unsere Nachbarn und Arbeitskollegen im Schnitt in den letzten fünf Jahren um ein Fünftel ärmer geworden.

 

Der Grund dafür, dass wir beim Median so schlecht abschneiden, ist die ungleiche Vermögensverteilung – in Deutschland, Schweden und Österreich ist sie höher als in allen anderen europäischen Ländern. Und sie wächst weiter. In Deutschland gibt es mittlerweile 193 Milliardäre.

 

Der wichtigste Grund dafür, dass Italiener, Portugiesen oder Slowenen im Durchschnitt reicher sind als Deutsche, ist, dass dort mehr Menschen ihre Häuser und Wohnungen besitzen. Aber ist es wirklich so wichtig, Eigentümer der eigenen vier Wände zu sein? Mit der wachsenden Inflation ja. Die Inflation wird bald deutlich höher sein und zusätzlich wird das reale monatliche Durchschnittseinkommen wegen der sich anbahnenden Rezession sinken. Die Deutschen werden schmerzlich merken, dass sie relativ arm sind.


Solange der Sozialstaat intakt war und die meisten Gehälter angemessen waren, spielte das Privatvermögen keine existenzielle Rolle. Mit der Deindustrialisierung, der sich nährenden Rezession und Inflation wird sich das jedoch ändern. Wir werden deutlich zu spüren bekommen, wie arm wir sind.

Als der Sozialstaat stark war und unsere Wirtschaft weltweit führend, war all das kein großes Problem. Doch mit dem Abbau des Sozialstaats, der wachsenden Verschwendung des Staates (mit seinen Kriegen und den de facto Tributzahlungen an den Hegemonen auf der anderen Seite des Atlantiks) und der bevorstehenden Finanz- und Wirtschaftskrise wird all das zunehmend wichtig.

 

Deswegen sprechen wir darüber.



Alan P. Stern ist ein Systemdenker und praktischer Philosoph. Akademisch in naturwissenschaftlichen wie auch in praktisch-wirtschaftlichen Fächern ausgebildet, arbeitete er als Manager und Unternehmensberater.

Im Jahr 2019 erschien sein Buch „Redesigning Civilization; wie erschaffen wir die westliche Zivilisation neu?“



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