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Botschaft an das Anthropozän

Aktualisiert: 7. Dez. 2022


Wenn Sie die Entwicklung, die unsere Zivilisation, Gesellschaft, Kultur, Bildung genommen haben, beunruhigt, sind Sie nicht allein. Ein wachsender Teil der deutschen Intellektuellen ist extrem besorgt. Und immer mehr Menschen wird es bewusst, dass diese Entwicklung nicht ein Ergebnis von Ereignissen irgendwo in der Welt ist, die unglücklicherweise zusammenkommen und uns um unsere Ruhe bringen. Sie ist das einzig logische Resultat der Regeln unserer Zivilisation und der Grundannahmen unserer Kultur.


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Wir verscherbeln unsere Kultur


Vor unseren Augen bröckelt das Haus, das wir uns während der letzten Jahrzehnte erbaut haben. Auch sein Fundament, das deutlich älter ist und von Generationen mit Geistesreichtum und Herz, mit Kreativität und mit viel Arbeit erschaffen wurde, bekommt Risse. Dieses Fundament ist unsere Kultur – die Kultur des Selbst und die Kultur des Miteinanders. Es hält den Stürmen des 21. Jahrhunderts nicht mehr ausreichend stand.


Kultur ist Arbeit: Arbeit an sich selbst und Arbeit an dem Miteinander. Wir arbeiten nicht mehr so gerne, wenn es nicht sein muss. Und so haben wir unsere Kultur in den vergangenen 50 Jahren unbemerkt, weil stückchenweise, verkauft – an die Werbung der Industrie, an die Medien … Wir haben sie zu Markt getragen. Der Markt hat uns mit Bequemlichkeit, mit Zerstreuung, mit viel Zeug, mit Emotionen, mit billigen Gefühlen überschwemmt und ruhiggestellt. Was uns einst als Einzelne und als Gesellschaft stark gemacht hat, wurde zunehmend zum losen Netz aus Transaktionen und Oberflächlichkeiten. Wie soll es den aufziehenden Unwettern der sozialen, ökologischen, politischen und ökonomischen Spannungen standhalten?


Unsere Zukunft ist ein Obstgarten aus den Samen unseres Geistes


Die Welt, in der wir leben, ist die Frucht dessen, was wir geglaubt, was wir gedacht, was wir im Leben verfolgt haben. Verzögert spiegelt sie den Zustand unseres Geistes wider. Das ist bei den Einzelnen, das ist bei den Gesellschaften so. Wenn diese Frucht faul wird, hässlich und zerstörerisch, ist das ein Beweis dafür, dass unser Denken hässlich und unsere Begehrlichkeiten zerstörerisch geworden sind. Der verkommende Obstgarten unserer Zivilisation ist der Beleg für die zunehmende Seichtheit und Selbstsucht in unserem Denken. Er ist das Ergebnis einer fatalen Dynamik, eines Teufelskreises aus Resignation im Inneren und Kommerz im Äußeren. Was wir säen, das werden wir ernten. So einfach ist das.


Wenn Sie wissen wollen, in welcher Welt Sie in 20 Jahren leben werden, gehen Sie für einen Tag in eine durchschnittliche deutsche Grundschule und beobachten Sie die Kinder. Es wird Sie erschauern lassen.

Wenn wir eine schönere, lebenswürdigere Welt wollen, müssen wir unseren Geist anders kultivieren – andere Samen säen, den Garten jäten und bewässern, die guten Setzlinge schützen, für genügend Licht sorgen. Unsere Kultur bot uns einst einen belastbaren Halt und gab uns die nötige Stärke für diese Kultivierung. Da wir sie für ein Haufen Silberlinge weitgehend verscherbelt haben, müssen wir sie nun im Angesicht der aufziehenden Gewitter neu aufbauen.


Diese bevorstehende Aufbauarbeit birgt eine große Chance. Wir können unser Leben als Einzelne und als Gesellschaft auf ein Fundament stellen, das der Realität des 21. Jahrhunderts Rechnung trägt. Die Welt ist nun mal global geworden und sie steht vor gewaltigen Umwälzungen, die aus lang andauernder Zerstörung der Natur und aus der Verschwendung ihrer Ressourcen resultieren.


Was wollen wir bei dieser Aufbauarbeit beibehalten? Und was wollen wir weglassen?



Die Inventur der westlichen Kultur


Eins möchte ich klarstellen: Ich liebe unsere Kultur. Die deutsche Sprache ist so wunderschön sachlich und präzise. Die besten Werke der deutschsprachigen und der europäischen Literatur oder Musik sind Leuchttürme des menschlichen Geistes. Die Denker und Künstler unseres westlichen Kulturkreises haben die Höhen des Denkens und die Weiten des Fühlens erkundet, die den Vergleich mit allen großen, alten Kulturen der Welt bravourös bestehen.


Aber einige Ecksteine unserer Kultur bestehen den Test der Zeit nicht. Sie sind der Grund dafür, dass die menschliche Zivilisation ihre natürliche Basis vernichtet. Der Individualismus, die Ich-Bezogenheit haben die kapitalistische Überflussökonomie geboren. Sie haben die systematische Ausbeutung der Natur und der Menschen ermöglicht. Sie haben ein Verständnis von Freiheit etabliert, das in der Praxis einer Willkür gleicht, die der Staat und die Gesellschaft nachträglich zu bändigen versuchen.


Unser materialistisches und hedonistisches Weltbild führte zu Lebenszielen, die den Individualismus in Egoismus verwandeln. Wenn mein Leben ein einmaliges Ereignis ohne eine darüber reichende Bedeutung ist, mache ich es zu meinem Ziel, es möglichst angenehm und materiell abgesichert zu gestalten. Ich strebe nach Reichtum und sozialer Anerkennung. Ich versuche die Welt zu besitzen und zu kontrollieren. Alles andere wird nachrangig.


Gab es da nicht einmal auch christliche Spiritualität? Ja. Unsere Religion sagte uns allerdings, dass wir zwar nicht perfekt sind, gab uns jedoch gleichzeitig zu verstehen, dass das kein Problem ist, weil Christus uns bereits gerettet hat. Also lass uns Spaß haben. Die Religion verlangte von uns zwar, dass wir uns an einige Regeln und Verhaltensweisen halten, ließ uns jedoch diesen Spaß haben. Freilich war die Lehre Jesu das genaue Gegenteil dessen, aber das ist es, was wir aus ihr gemacht haben. Die Hauptströme unserer westlichen Kultur, der Individualismus und die Ausrichtung auf die äußere Welt, waren stärker als seine Aufforderung zum Verzicht und zur Einkehr.


Den Weg unserer Zivilisation zum Mammon hat die Kirche bereits vor siebzehnhundert Jahren aufgezeigt, indem sie sich für Macht und Geld entschied. Damit ist der von Jesus aufgezeigte Weg zu Demut, Einkehr und Genügsamkeit in ein Schattendasein verdrängt worden.

Die sachliche Inventur unserer westlichen Kultur zeigt uns also auf einer Seite eine Hochkultur des Geistes, auf der anderen das Streben nach Bequemlichkeit und materiellem Überfluss, die zur Ausbeutung der Natur und zur spirituellen Verflachung des Menschen führten.


Ein Anthropozän ohne Hass und Gier


Anthropozän nennt man die Periode in der Geschichte der Erde, in der Menschen ihren lebenden Planeten grundlegend umgestalten. Bisher fand diese Umgestaltung ohne Rücksicht und Liebe statt. Sie war das Resultat der menschlichen Gier auf einer angeblich toten Erde, inmitten einer angeblich gegenständlichen, unbeseelten Natur. Das muss sich ändern. Das muss sich sogar abrupt ändern, wenn wir überleben wollen.


Dieser radikale Wandel kann mit dem bisherigen Welt- und Menschenbild, mit dem bisherigen Denken und der bisherigen Kultur nicht gelingen. Ja, wir müssen auch viel an den von uns benutzten Technologien verändern. Aber wenn wir begleitend dazu nicht unsere Einstellung zur Natur und zum Leben ändern, wird die Zerstörung der Erde und das Absterben unserer Seelen nicht aufhören. Wir müssen also unseren Wertekanon ergänzen, unser Selbstverständnis als menschliche Wesen neu entwickeln.


Mit einem Bild der Natur als Ressource im Kopf, mit einem Verständnis des Menschen als ein zufälliges Produkt der Evolution der belebten Materie und mit Zielen, die sich auf Geld und Unterhaltung reduzieren lassen, können wir keine nachhaltige und friedliche Welt aufbauen.

Das andere Menschen- und Weltbild, die anders gelagerten Werte gibt es allerdings bereits seit Jahrtausenden. Wir finden sie bei den indigenen Völkern, im antiken China, im antiken Japan, aber vor allem im Vedanta im antiken Indien. Dort wird die Welt so erklärt, dass sie zu einem Plan Gottes wird. Im Vedanta geht der Mensch bewusst einen Weg zu Perfektion, um sein göttliches Wesen zu entdecken. Dabei praktiziert er Selbstdisziplin, arbeitet an seiner Moral, übt Uneigennützigkeit.