• Alan P. Stern

Ökologischer Mehrwert

Aktualisiert: Nov 8

Es gibt eine Möglichkeit, die Nachhaltigkeit und den Naturschutz zum Teil der Wirtschaft zu machen. Sie ist einfach, praktisch durchführbar und unbürokratisch.




Heute muss man Naturschutz erzwingen


Der Preis eines Produktes setzt sich aus zwei Teilen zusammen: aus den Kosten des Anbieters und aus seinem Gewinn. Jeder Anbieter versucht seine Kosten zu senken und seinen Gewinn zu steigern. In dieser Gleichung gibt es einfach keinen Platz für die Natur. Wären die Käufer allerdings bereit, die ökologische Leistung des Anbieters zu bezahlen, sähe die Gleichung anders aus. Wenn der Preis jedes Produktes zusätzlich einen Ökologischen Mehrwert enthielte, den die Käufer mitgekauft hätten, wären Projekte zum Schutz des Grundwassers oder zur Rekultivierung der zerstörten Flächen ein Teil des Geschäfts.


Ökologischer Mehrwert


Diese zusätzliche Komponente des Preises eines Artikels wäre der Betrag, den der Hersteller für einen gesellschaftlich gewünschten ökologischen Zweck ausgegeben hätte. Er würde sich aus dem Ökologischen Mehrwert, den er bei seinen Lieferanten mitbezahlt hätte, und aus dem Ökologischen Mehrwert, den er darüber hinaus für sich festgelegt hätte, zusammensetzen.

Die Hersteller wären frei in ihrer Entscheidung, wie hoch der ökologische Aufpreis auf ihre Leistungen ist. Sie wären nur gesetzlich dazu verpflichtet, dies auf der Verpackung deutlich kenntlich zu machen und auch die Höhe und den Verwendungszweck in ausreichend großer Schrift zu nennen. Damit würde der Käufer ein zusätzliches Merkmal des Produktes haben, das er bei seiner Kaufentscheidung berücksichtigen könnte.


Naturschutz als Kaufentscheidung


Das würde aber bedeuten, dass die Konsumenten (weil sie am Ende diejenigen sind, die alles bezahlen) sich aus freien Stücken dazu entscheiden würden, für die Produkte und Dienstleistungen mehr zu zahlen. Ist das denn möglich?


Aber klar. Es passiert jeden Tag. Sie sehen zwei Gurken: Die eine ist aus biologisch-dynamischem Anbau und die andere aus einer (wie Sie vermuten müssen) durch Chemikalien am Leben gehaltenen Plantage. Sie entscheiden sich für die Erste, obwohl sie das Dreifache kostet. Damit bezahlen Sie de facto ein Stück Umweltschutz und Landschaftspflege. Immer mehr Konsumenten entscheiden sich gegen einen Billigartikel, weil sie annehmen, dass er unter Ausbeutung von Menschen und Umwelt hergestellt wurde. Überweist ein Online-Händler einen Teil des Kaufpreises an eine gemeinnützige Organisation, spekuliert er darauf, dass Kunden wegen des guten Gefühls lieber bei ihm kaufen werden.


Unsere Kaufentscheidungen können die Natur zerstören oder ihre Zerstörung aufhalten.

Würde sich ein Käufer für ein Produkt mit einem sehr kleinen Ökologischen Mehrwert entscheiden, wäre das eine moralisch relevante Entscheidung und moralischen Entscheidungen kann man nicht so leicht ausweichen. Er müsste sich entscheiden, entweder etwas für die Rettung der Regenwälder zu tun oder seinem Sohn ein zusätzliches Gadget zu kaufen. Oder er würde einfach die Augen verschließen – auch eine moralische Entscheidung.


Nachhaltigkeit als Teil der Wirtschaft


Einmal in Gang gesetzt, würde die Sache ihre eigene Dynamik entwickeln. Ein Wettbewerber des Jeansproduzenten, der zwei Prozent seiner Kosten in ein Projekt zur Unterstützung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft investiert, kommt vielleicht auf die Idee, 2,5 Prozent für die Wiederbewaldung der Meeresküste auf Mallorca zu verwenden. Ein anderer Hersteller wird sich vielleicht zu fünf Prozent hinreißen lassen, die er dem BUND zur Verfügung stellt. Und wir als Konsumenten hätten dann die Wahl.


Der Naturschutz muss ein Teil des wirtschaftlichen Systems werden.

Die Unternehmen würden mit diesem Geld konkrete Maßnahmen zum Umweltschutz oder zur Rückgewinnung von Raum für die Natur finanzieren. Dieser Ökologische Mehrwert würde zum Bestandteil des Nettopreises (anders als bei der Mehrwertsteuer). Die Unternehmen würden ihn direkt an das begünstigte gemeinnützige Projekt, die entsprechende Organisation oder Initiative abführen. Auch bei einer Lieferung ins Ausland wäre der Ökologische Mehrwert damit im Preis enthalten. Da der Produktpreis verschiedene Beträge für verschiedene Begünstigte umfassen würde, müsste nach der gesetzlichen Verpflichtung zur Nennung des Ökologischen Mehrwertes die Gesamtsumme in Prozent des Preises angegeben werden. Außerdem wäre mindestens das Projekt zu nennen, das mit dem höchsten absoluten Betrag gefördert wird. Wollte der Hersteller mehrere Projekte aufführen, müssten sie in der Reihenfolge ihres Anteils aufgelistet werden. Große Hersteller von Endprodukten hätten sich wahrscheinlich mit ihren Lieferketten auf ein Projekt oder eine Organisation geeinigt, um die Werbewirkung zu erhöhen.


Einstieg in eine neue Wirtschaft


Ein transparenter Ökologischer Mehrwert würde also Kaufentscheidungen ermöglichen, die nicht nur auf dem Preis und der Qualität basieren. Unternehmen würden ihn bei ihren Lieferanten bewusst einkaufen, um ihn dann bei den Konsumenten am Ende der Wertschöpfungskette möglichst mit Gewinn bewusst zu verkaufen. Er würde so unsere Gesellschaft allmählich verändern und in der Ökonomie Platz für die Natur schaffen.

Diese Idee zeigt, dass man die ersten Änderungen auch innerhalb des existierenden Systems umsetzen könnte, ohne darauf zu warten, dass die Gesellschaft für ein komplett neues Modell reif genug geworden ist. Wenn man die Bestimmung der Höhe des Ökologischen Mehrwertes den Unternehmen überließe (mit einem prozentuellen Mindestwert, um der Sache die notwendige Ernsthaftigkeit zu verleihen), würde das der Wirtschaft kein Problem bereiten und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht grundsätzlich verändern.

Durch die Einführung des Ökologischen Mehrwerts würde der Staat zeigen, dass er ernsthaft willig ist, das derzeitige Wirtschaftssystem zu verändern. Für die Einführung eines Ökologischen Mehrwertes braucht man nur das Verständnis und den Willen der Regierung. Sie müsste die Regeln bestimmen. Alles andere wird durch die Dynamik des Marktes gesteuert.

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