Ökologisches Grundeinkommen


Eine simple Idee könnte die Senkung der CO2-Emissionen auf das geforderte Niveau erwirken. Die Voraussetzung: Möglichst viele Länder müssten mitmachen.


Grafik zeigt die CO2-Währung ECO und Ökologisches Grundeinkommen

Ökologisches Grundeinkommen und die CO2-Währung ECO


Die Klimaschutzinitiative SaveClimate.Earth plädiert für eine zusätzliche Klimawährung. Wir haben mit den beiden Gründern, Angela und Jens Hanson, über ihre Idee gesprochen.


Continentia: Es gibt so viele Ideen, wie der CO2-Ausstoß begrenzt werden kann. Sie haben sich entschieden, eine zusätzliche Initiative mit einer neuen Idee zu gründen. Worum geht es bei SaveClimate.Earth?


Angela Hanson: Grundsätzlich geht es darum, von kleinen Lösungen wegzukommen. Das, was heute diskutiert wird, empfinden wir als kleinteilige Maßnahmen, und wir glauben, dass das die Emissionen nicht schnell und nicht effektiv genug reduzieren wird. Deswegen plädieren wir für einen kompletten Systemwechsel in der Klimapolitik. Und das wollen wir durch den ECO erreichen.

Der ECO ist eine zusätzliche CO2-Währung, die jeder in gleicher Höhe als ökologisches Grundeinkommen zur Verfügung gestellt bekommt. Damit hat jeder sein persönliches CO2-Budget für den individuellen CO2-Konsum.

Continentia: Wie hoch soll das monatliche CO2-Budget sein?


Angela Hanson: Jeder hat ein gleiches Recht, die Atmosphäre zu benutzen. Deswegen würden wir das verbleibende CO2-Budget, das uns noch zur Verfügung steht, um das Klimaziel zu erreichen, auf die gesamte Bevölkerung gleich aufteilen. Wenn wir von den zwei Tonnen pro Person pro Jahr ausgehen, wären das 166 kg CO2, die jeder im Monat verbrauchen kann. Der ECO setzt das ins Verhältnis 1 zu 10, sodass jeder 1.660 ECO als ökologisches Grundeinkommen zur Verfügung hätte.


Continentia: Und was könnte man für dieses Geld kaufen?


Angela Hanson: Jede Ware und Dienstleistung wird ein separates Emissionspreisschild in ECO erhalten. Dieser Preis wird die Summe aller CO2-Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette abbilden. Für einen Einkauf wird man nicht nur in Euro bezahlen müssen, sondern auch in ECO. Solange mein ECO-Guthaben nicht verbraucht ist, kann ich kaufen, was ich will. Der ECO wäre eine rein digitale Währung, also wenn ich an der Kasse bezahle, wird eine zusätzliche Verbindung zur Klimabank aufgebaut und der ECO-Betrag von meinem Konto abgebucht.


Continentia: Damit entsteht viel Druck auf den Konsumenten …


Jens Hanson: Zwei Tonnen pro Person und Jahr ist das, was ungefähr noch geht. Der Durchschnittsdeutsche verbraucht aber heute zwischen neun und zwölf Tonnen. Man sieht also, dass das mit den zwei Tonnen nicht funktionieren würde. Durch die Begrenztheit des ECO-Budgets der Konsumenten würde automatisch der notwendige Veränderungsdruck auf die Industrie entstehen, sodass sie ihre Herstellungsprozesse umstellen müsste, weil sie sonst auf ihren Waren sitzen bliebe.


Continentia: Erzeugt das System nicht zu viel Kontrolle und Bürokratie?


Jens Hanson: Nein, die staatliche Kontrolle geschieht nur am Flaschenhals, direkt am Beginn der Wertschöpfungskette, nämlich bei der Förderung von Kohle, Öl und Gas. Dort muss die geförderte Menge mit dem entsprechenden ECO-Wert an die Klimabank abgeführt werden.

Mit dem Verkauf der fossilen Primärenergieträger, wird der ECO ab hier interpretationsfrei durch die gesamte Wertschöpfungskette weitergereicht bis zum fertigen Konsumgut im Geschäft.


Continentia: Weil die Gesamtsumme der ECO begrenzt ist, um das Klimaziel einzuhalten, wird automatisch auch die Fördermenge der fossilen Energieträger begrenzt …


Jens Hanson: Ganz genau.


Continentia: Müssen die Fördermengen nicht zentral verteilt werden?


Jens Hanson: Nein, denn jeder Förderer kann so viel fördern, wie er mit den ECO bezahlen kann, die entlang der Wertschöpfungskette wieder zu ihm zurück fließen, und das hängt vollständig davon ab, wie viele Endprodukte mit „seinen“ ECO verkauft wurden.


Continentia: Und was passiert, wenn mein persönliches ECO-Guthaben verbraucht ist?


Jens Hanson: Als Verbraucher kann ich den ECO an einer Klimabörse für Euro verkaufen oder kaufen, allerdings nur für den eigenen Verbrauch, also nicht zu Spekulationszwecken. Aber wenn meine ECO auf meinem Bankkonto verbraucht sind, kann ich nichts mehr kaufen – das wäre schon so. Das ist hart, aber genau das ist notwendig, weil wir sonst nicht rechtzeitig von den neun bis zwölf Tonnen CO2 auf die zwei Tonnen herunterkommen.

Wenn Sie heute umweltfreundlich leben wollen, geht das gar nicht, weil alles in Plastik verpackt ist oder weil die öffentlichen Verkehrsmittel nicht gut genug ausgebaut sind usw. Deswegen ist ein Druck auf die Wirtschaft notwendig. Eine begrenzte CO2-Währung würde genug davon ausüben.

Angela Hanson: Dieser Druck würde einen Transformationsprozess in Gang setzen, den es sonst in dieser Art nicht geben wird. Wir dürfen übrigens nicht aus heutiger Perspektive auf den ECO schauen. Wenn morgen die EU beschließen würde, dass wir in zehn Jahren dieses System einführen, dann müssten die Unternehmen anfangen, ihre Prozesse zu verändern, um Produkte und Dienstleistungen ECO-günstig anbieten zu können, weil sie sonst in zehn Jahren ihre Waren nicht mehr verkaufen könnten. Alles, was ECO-teuer ist, würde dann im Regal bleiben.


Continentia: Die Wirtschaft hätte also eine Vorlaufzeit bekommen …


Angela Hanson: Ja. Denken Sie an die 80er-Jahre. Damals hat man beschlossen, FCKW zu verbieten, um die Entstehung des Ozonlochs zu bremsen, und die Industrie hat Ersatzstoffe gefunden. Das wäre hier ähnlich.

Jens Hanson: Es gäbe auch ein anderes Szenario: dass man die Ökowährung schon bald einführt, aber für eine Übergangszeit mehr ECO erlaubt.

Angela Hanson: Aber das Prinzip müsste dabei schon greifen, dass jeder die gleiche Menge an CO2 konsumieren darf. Die Alternative, dass die Waren immer teurer werden, bedeutet, dass immer weniger sie sich leisten können, und das ist keine gute Lösung. Aber gerade das machen wir heute mit dem EU-Emissionshandel oder der CO2-Steuer. Egal wie teuer eine CO2-Tonne sein wird, wird es immer Menschen geben, die das aus der Portokasse zahlen können. Und andere müssen leiden. Bei allen anderen Lösungen würden auch zusätzliche Probleme entstehen: Wer ist zum Beispiel für die Kosten in den schlecht sanierten Wohnungen zuständig, der Mieter oder der Vermieter? Es tun sich so viele Problemfelder auf, und wir denken: Der ECO könnte das alles automatisch lösen.

Jens Hanson: Der ECO würde die Verantwortung für den Klimaschutz letztendlich in die Hände aller Bürger geben. Durch den Druck, der von den Verbrauchern kommen wird, werden sich die CO2-Emissionen automatisch verringern.


Continentia: Wenn ich das Konzept richtig verstehe, appellieren Sie an die Menschen, dass sie freiwillig auf einen Teil ihres Konsums verzichten. Sehen Sie in der Gesellschaft die Bereitschaft dafür?


Jens Hanson: Ich glaube nicht mal, dass das mit viel Beschränkung einhergehen müsste, wenn die Herstellungsprozesse grüner werden.

Angela Hanson: Wir vergleichen den ECO gerne mit dem normalen Geld. Auf meinem Girokonto ist auch nur eine gewisse Menge Euro, und ich kann nicht auf die Malediven fliegen, wenn das Geld nicht reicht. Warum soll es anders sein, wenn es um den Klimakonsum geht? Ich entscheide dem Stand meines ECO-Kontos entsprechend.

Jens Hanson: Die Reduktion von zehn auf zwei Tonnen CO2 ist unter den heutigen Rahmenbedingungen nicht möglich. So kann und will sich niemand einschränken. Deswegen muss das mit einer Transformation der Wirtschaft einhergehen. Anders wird es nicht funktionieren.


Continentia: Wie wollen Sie die Einführung des ökologischen Grundeinkommens erreichen?


Angela Hanson: Wir versuchen es von zwei Seiten. Der ECO bildet alle Emissionen ab und lässt uns gleichzeitig die Entscheidungsfreiheit. Das ist eine hervorragende Alternative zu CO2-Steuer und dem Zertifikathandel auf europäischer Ebene. Wenn die Menschen einfach darüber informiert werden, kann das eine große Welle erzeugen, und irgendwann wird sich auch die Politik damit befassen müssen. Gleichzeitig aber gehen wir auch direkt auf die Politiker zu und versuchen mit ihnen, über diese Idee zu sprechen – versuchen jemanden zu finden, der diese Idee gutheißt und innerhalb seiner Partei verbreitet.

Jens Hanson: Allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Parteien nicht den Mut haben, nicht mal die Grünen, sich eines solchen Konzeptes anzunehmen. Deswegen setzen wir auf den Druck aus der Bevölkerung.


Continentia: Wir als Gesellschaft haben uns derart stark von der Meinung der Wissenschaftler zu allen Themen abhängig gemacht, dass Konzepte, die nicht aus einem Institut oder von einem Professor stammen, gar nicht in Erwägung gezogen werden. Ich kann mir vorstellen, dass die politischen Entscheider und andere Meinungsbildner Sie zuallererst danach fragen …


Angela Hanson: Wir verweisen dann gerne darauf, dass Personal Carbon Trading keine neue Idee ist. Dazu gibt es bereits genug Studien. In der Zwischenzeit sprechen sich immer mehr Wissenschaftler für eine Budgetlösung anstelle einer Verteuerung aus. Sie haben aber noch keine Lösung parat. Und wir sitzen auf unserer Couch und sagen: „Aber wir haben eine Lösung!“

Wir müssen basisdemokratisch Druck aufbauen. Deswegen sprechen wir auf Veranstaltungen und hoffen Neugierde zu wecken und Leute als „ECO-Botschafter“ zu gewinnen.


Continentia: Wenn jemand Ihnen helfen möchte, was kann er tun?


Jens Hanson: Es gibt so viel zu tun! Wir könnten zum Beispiel Hilfe bei Social Media gebrauchen. Wir bräuchten einen professionellen medialen Auftritt.

Angela Hanson: … oder bei Recherchen, bei administrativen Tätigkeiten, bei Pressearbeit. Menschen mit wissenschaftlicher Expertise können Szenarien durchrechnen. Weil wir uns nur selbst oder durch Fördergelder finanzieren, ist uns solche Hilfe sehr wichtig.


Mehr über das ökologische Grundeinkommen, die CO2-Währung ECO und SaveClimate.Earth erfahren Sie unter https://www.saveclimate.earth.



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