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Eine Welt, in der weder Milch noch Honig fließen

Aktualisiert: 25. Mai


Erinnern Sie sich daran, dass man Ihnen früher morgens frische Milch vor die Haustür stellte? Wahrscheinlich nicht, weil Sie es nie erlebt haben. Ich schon. Es war eine grundverschiedene Welt – die Welt mit der Milch auf der Fußmatte. Heute ist sie ganz anders. Warum eigentlich?



frische Milch vom Milchmann


Wie funktioniert unsere Welt?


Meine Frau hat mich heute an einen längst vergessenen Fakt aus unserer Kindheit erinnert: Jeden Morgen stand vor der Tür eine Flasche frischer Milch. Es ist die Eigenart unserer Erinnerungen: Sie scheinen verloren gegangen zu sein, kommt aber das richtige Wort oder Bild, ein Name oder ein Geruch, sind sie plötzlich da mit ihrem ganzen Gefolge an Situationen, Farben und Stimmungen.

 

Ich möchte diese Erinnerung mit Ihnen teilen, weil sie mich zum Nachdenken über die Veränderungen, denen unsere Welt ausgesetzt ist, gebracht hat. Ich lade Sie ein, ebenfalls darüber nachzudenken. Wenn Sie Ihre Betrachtung breit genug anstellen, werden auch Ihnen wahrscheinlich viele Sachen deutlich. Mir hat sie vor Augen geführt, welchen Entwicklungen das System aus Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Natur, das unser Zuhause ist, ausgesetzt ist. Es ist wichtig, die Kräfte und Dynamiken hinter diesen Entwicklungen zu verstehen, weil sie uns gerade in eine Welt drängen, in der wir nicht leben wollen. Alle diese Dynamiken werden sichtbar, wenn man tief genug über die mit frischer Milch gefüllte Flasche vor der Tür in meiner Kindheit nachdenkt.

 

Ich habe allerdings nicht vor, vor Ihnen meine eigenen Rückschlüsse auszubreiten. Es bestünde die Gefahr, dass sie von Lesern, die deutlich jünger sind als ich, als das Jammern eines alten Mannes darüber, dass „früher alles besser war“, abgetan werden. Ich werde lediglich meine Erinnerung kurz beschreiben und einige Fragen stellen, ein paar Gedanken einwerfen, einige Zusammenhänge andeuten in der Hoffnung, dass Sie zu Ihren eigenen Schlüssen kommen. Schlussfolgerungen, zu denen man selbst gelangt, sind ungleich wertvoller als die, über die man bloß gelesen hat.


Die Welt verändert sich unaufhaltsam – es ist ihr Wesen. Wie sie es tut, ist aber weder Zufall noch gottgegeben. Sie folgt dem, was wir anstreben, was wir für wichtig halten.

Eine mit frischer Milch gefüllte Flasche vor der Tür


Es kam selten vor, dass ich früh genug wach wurde, um die Flasche Milch selbst hereinzuholen. Wenn mir das gelang, nahm ich sie vorsichtig in beide Hände und stellte sie stolz auf den Küchentisch. Mutter machte sie jeden Tag sauber und stellte sie abends neben die Fußmatte im Treppenhaus hinaus. Eines Morgens im Sommer sah ich vom Fenster aus den Milchmann. Er schob einen kleinen Wagen mit zwei großen Milchkannen. An einer von ihnen hing ein zylindrisch geformter großer Schöpflöffel.

 

Wir wohnten in einem Mehrfamilienhaus. Man schloss damals die Eingangstür nicht ab. Der Milchmann ging die Treppe hoch, sammelte die leeren Flaschen ein und füllte sie mit dem großen Schöpflöffel auf. Ob das der Bauer selbst war oder jemand von ihm bezahlt, weiß ich nicht. Die Eltern zahlten für die Milch am Ende jedes Monats. Sie schmeckte, wie unbehandelte Milch eben schmeckt. Kennen Sie diesen Geschmack überhaupt?


Eine Welt ohne Milchmann


Die frische Milch ist dem Drang nach Effizienz zum Opfer gefallen. Heute halten die Bauern viele Kühe, verkaufen die Milch an Fabriken, die sie in Großanlagen filtern, pasteurisieren, homogenisieren und an die Supermarktketten und Großhändler verkaufen. Die Milch ist am Ende um ein paar Cent billiger.

 

Wegen dieser ein paar Cent gibt es keine Kleinbauern mehr, die Kühe werden mit großflächig angebauten Futterpflanzen gefüttert, die unter Anwendung von Pestiziden, Herbiziden und Kunstdünger gezüchtet wurden. Die Artenvielfalt ist auch dadurch auf ein Drittel geschrumpft, das Grundwasser ist belastet, der Boden lebt kaum und speichert nur wenig Kohlenstoff. Der Kleinbauer arbeitet in einer Fabrik, die irgendwelche Konsumgüter produziert, der Milchmann bezieht vielleicht das Arbeitslosengeld, die Milch ist länger haltbar und schmeckt, wie eine industriell verarbeitete Milch eben schmecken muss.


Ist es eine bessere Welt?


Wenn ich an meine Kindheit denke, stelle ich fest, dass die Wertschätzung der landwirtschaftlichen Produkte heute ganz anders ist. Essen ist etwas, was immer in beliebigen Mengen und in gewünschter Form da ist.

 

Wenn wir planen, unser Geld auszugeben, denken wir an ein neues Gerät oder an den Urlaub, aber nicht an die Milch, Brot oder Tomaten. Essen muss deswegen billig bleiben, bis auf die besonderen Anlässe, wenn wir ins Restaurant gehen und dabei gerne bereit sind, das Zehnfache auszugeben.

 

Unser tägliches Essen hat außerdem immer weniger zu tun mit dem, was auf dem Acker gewachsen ist. Es ist mehrfach verarbeitet, mit Zusatzstoffen ergänzt, gesalzen, gesüßt und verpackt. Unsere Körper bestehen aus dem, was wir essen. Essen wir gesund? Essen wir das Richtige?


Es ist höchste Zeit, dass wir uns grundsätzliche Gedanken darüber machen, in welcher Welt wir leben wollen. Nur wenn viele von uns umdenken, haben die Natur, das rücksichtsvolle Miteinander und die Demokratie eine Chance.

Hängt der Anstieg der Krebserkrankungen nicht mit unserem Essen zusammen?

 

Sind die heutigen Bauern im Vergleich zu anderen Berufsgruppen reicher geworden?

 

Welche Unternehmen und Konzerne machen bei der industriell organisierten Lebensmittelproduktion das große Geld? Wem gehören diese Konzerne?


Die Bauen sind gegen Gesetze, die den Zustand der Natur ein Stückchen verbessern würden, weil sie in diese Situation hineingezwängt wurden. In einer Marktwirtschaft bestimmen letztendlich die Käufer mit ihrem Kaufverhalten darüber, was, wie und wo produziert wird. Die ganze Wertkette bis zum einzelnen Bauern ist nur eine Folge.

Ich gehe davon aus, dass es heute irgendwelche Vorschriften gibt, die das Auffüllen von Flaschen auf der Straße verbieten. Sie wurden angeblich für uns erlassen. Nutzen sie aber nicht vor allem der Industrie und dem zentralisierten Handel?

 

Würden Sie heute eine Milchflasche vor der Tür stehen lassen? Oder hätten Sie Angst, dass die Kinder aus der Nachbarschaft bei TikTok gerade gelernt haben, dass es Spaß macht, in die Flaschen zu spucken?

 

Was ist uns heute wichtig im Vergleich zu dem, was unseren Eltern oder Großeltern wichtig war? Wie verändert das uns und die Welt?

 

Welche Prioritäten haben wir als Gesellschaft – schon seit zig Jahren. Und welche kommen heute dazu? Gibt es in der Welt unserer Lebensziele Platz für frische Milch von Kühen, die in unserer Nachbarschaft auf einer Wiese grasen?

 

Wie waren die Menschen zueinander, als die Haustüren noch offenstanden, man seinen Milchproduzenten persönlich kannte, seinen Nachbarn traute und sich über die frische Milch am Frühstückstisch freute? Ist die Gesellschaft heute wirklich glücklicher?

 

„Nun, die Welt ist heute einfach anders“, sagen Sie wahrscheinlich. Ja, aber warum hat sie sich so und nicht anders verändert? Es ist sehr aufschlussreich, über diese Frage nachzudenken. Die Dynamiken hinter dieser Änderung werden nicht aus dem All gesteuert, sie folgen keinen Naturgesetzen. Wir verändern die Welt durch unsere Wünsche, Gewohnheiten, Glaubenssätze, Vorlieben und Ziele. Wir können die Verantwortung dafür nicht an die anderen abschieben.

 

Also müssen wir uns ändern, wenn wir eine andere Welt haben wollen. Die Welt wird zwangsläufig folgen. Es gibt keinen anderen Weg.


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