Neues Deutschland in einer neuen Welt
- Alan P. Stern
- vor 13 Minuten
- 7 Min. Lesezeit
Es scheint, als stelle der US-amerikanisch-israelische Überfall auf den Iran eine geschichtliche Zäsur dar. Die Ära, in der die USA ihren Willen überall auf der Welt durchsetzten – mittels Beeinflussung, Geld, Manipulation, Angst und Krieg – wird wahrscheinlich bald zu Ende gehen. Das Gleiche gilt für Israel in Westasien.

Eine Welt der Souveräne
Die großen Länder haben ihre Souveränität bereits vor Jahrzehnten durchgesetzt: China seit den 1950er-Jahren, der Iran seit der Revolution und Russland unter Wladimir Putin. China ist heute die größte industrielle Macht der Welt, während Russland versucht, eine große wirtschaftliche Macht zu werden. Der Iran, der über große Erdöl- und Erdgasvorkommen verfügt, ächzt seit 1979 unter den von den USA auferlegten Sanktionen und konnte sein wirtschaftliches Potenzial deshalb nicht voll ausschöpfen. Da der Iran wusste, dass er sich irgendwann gegen eine amerikanische Invasion wehren muss, bereitete er sich militärisch, technologisch und industriell darauf vor – mit Erfolg, wie wir sehen können.
Interessanterweise haben China, Russland und der Iran trotz ihrer Unterschiede etwas gemeinsam: Sie haben sich nicht blind dem Diktat des globalen Kapitalismus unterworfen. Sie haben (jedes Land auf seine eigene Weise) das Spiel des globalen Finanzmarktes auf ihrem Territorium beschränkt und gesteuert. Sie haben im Interesse ihrer Länder und Bevölkerungen klug gehandelt. Zudem haben sie sich für ihr eigenes politisches Modell entschieden und gegen das liberal-demokratische, mit dem IMF-Stempel versehene Modell der USA. Dafür wurden sie von uns sanktioniert und geschmäht. Dabei sind sie auf ihre Weise stark und erfolgreich geworden.
Die neue Welt der Souveräne hat sich in Opposition zum neoliberalen Modell des Kapitalismus und gegen die Sanktionen der USA entwickelt. Das hat sie gestärkt. Im nächsten Schritt wird sie sich vom Westen entkoppeln. Sie ist das Zukunftsmodell für die Welt.
Währenddessen blieb die westliche Welt ein Spielfeld des globalen Finanzkapitals. Wir haben uns davon überzeugen lassen, dass der liberale Kapitalismus „Made in USA” uns reich macht und der sicherste Weg in die Zukunft im Kielwasser der USA liegt. Dafür gab es jedoch seit den 90er Jahren keinen überzeugenden Beweis: Weder hat sich das Wohlergehen der Bevölkerung erhöht, noch hat sich unsere Sicherheit verbessert. Im Gegenteil: Sie verschlechtern sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Was wirklich wuchs, war das Finanzkapital, das sich im Prozess der Akkumulation immer weiter konzentrierte. Es gab den Ton an in dem, was in der modernen medialen Gesellschaft wirklich zählt: dem Business der Narrativbeherrschung. Es gewann zunehmend die Kontrolle über die politische Klasse des Westens. Unterschwellig entwickelte sich der liberale Kapitalismus, einst eine ökonomische Theorie, zu einer alles beherrschenden Ideologie. Auf ihrer Grundlage wucherten immer hässlichere Geschwülste der Kälte, der Verachtung, des Hasses und der Gleichgültigkeit gegenüber anderen, die sich nun zunehmend auch gegen die eigenen Bürger richten. Sie fressen unsere Demokratie, unsere Freiheiten und unsere sozialen Errungenschaften langsam auf und stehlen uns den Frieden.
Wir haben die Zukunft Deutschlands auf die neoliberale Karte und auf die USA gesetzt. Nun neigt sich das Spiel dem Ende zu und wir sind die Verlierer.
Nach diesem Krieg werden sowohl die USA als auch wir schmerzlich schwächeln – wirtschaftlich, geopolitisch, als Gesellschaften und als Kulturen. Moralisch stehen wir schon seit einiger Zeit nackt da. Deutschland wird in Zukunft nur für die Menschen attraktiv sein, die durch die USA und Israel obdachlos gemacht wurden und für die in die deutsche Kultur unverbesserlich vernarrten Menschen wie mich attraktiv sein. Niemand auf der Welt schaut mehr zu uns auf. Ist das so? Auf unsere Regierungen bezogen, ohne jeden Zweifel. Einige der Menschen, die in den USA, in Deutschland oder in Dänemark waren und uns kennengelernt haben, werden uns wahrscheinlich nicht aufgeben. Sie werden uns wohlwollend beobachten, während wir uns als Kulturen und Gesellschaften wieder hochrappeln. Natürlich nur, wenn wir endlich damit anfangen.
Währenddessen wird sich die Weltgemeinschaft – befreit von westlicher Hybris sowie amerikanischen, europäischen und israelischen Schikanen – neu ordnen. In den internationalen Beziehungen werden wieder Recht und Moral einziehen, im Handel Fairness und Gleichberechtigung. Die BRICS-Staaten werden eine neue Währung und ein neues technisches System für globale Transaktionen einführen. Jedes Land wird dann seinen eigenen Weg in die Zukunft suchen dürfen. Es wird eine Welt der gleichberechtigten Souveräne sein, der wir uns hoffentlich zeitnah anschließen werden.
Wie muss sich Deutschland ändern?
Der Neuanfang muss umfassend sein. Aus der Situation, in der wir uns bald wiederfinden werden, wird man nicht mit ein paar Trippelschritten herauskommen können. Wir werden uns in gewisser Weise neu erfinden müssen – vor allem als politisches und wirtschaftliches System.
Ich denke nicht, dass wir uns am erfolgreichsten chinesischen Modell orientieren können, zumindest nicht politisch – Deutschland, die Deutschen und unsere Ausgangslage sind zu anders, als dass dies gelingen könnte. Aber vielleicht ließe sich ein wirtschaftliches System aufbauen, das sich um die Idee des starken Sozialstaates dreht und in dem Vernunft, nationale Interessen, von Ideologie befreite Handelsbeziehungen und langfristige Planung vorherrschen.
Echte Sozialdemokratie und ein vernunftgemäßer Sozialstaat könnten in Deutschland als Gründungsidee für einen Neuanfang dienen.
Das war einmal das deutsche Ethos: die Überzeugung, dass alle Menschen gleiche Chancen in Gesellschaft und Wirtschaft haben müssen, aber auch, dass alle einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten sollen, dass der Staat sich um einen fairen Ausgleich bei den Geldflüssen in der Wirtschaft und Gesellschaft bemühen muss, aber auch, dass die Gesellschaft und die Wirtschaft vital, erfinderisch, anpackend bleiben sollen. Die Idee eines starken Sozialstaates, einer angstfreien Freiheit aller Bürger und einer Demokratie, die auf die Meinung der Menschen hörte, war der Kern der Bundesrepublik. Ihr Geist war sozialdemokratisch geprägt. Um diesen Geist herum könnten wir versuchen, unser Land neu aufzubauen. Dafür müssten wir jedoch den Einfluss der Superreichen und des Finanzkapitals auf die Politik begrenzen.
Mit den derzeitigen politischen Eliten ist dieser Umbau nicht möglich. Sie haben sich das unabhängige, souveräne Denken zu sehr abgewöhnt und betrachten uns Bürger nicht als Dreh- und Angelpunkt ihres Handelns. In den letzten Jahrzehnten wurde der gesamte politische Westen von einem giftigen Efeu überwuchert, der nur seine Artgleichen an die Sonne der Macht und des Einflusses lässt. Seine Wurzeln liegen in den USA.
Die heutigen Sozialdemokraten haben sich allerdings sowohl innen- als auch außenpolitisch diskreditiert. Vielleicht wird sich die BSW um diese Vision herum weiterentwickeln. Vielleicht entstehen in der bevorstehenden Misere auch neue Parteien mit neuen Menschen, die sich nicht vom Efeu des heutigen Machtgefüges vereinnahmen lassen.
Ein Neuanfang wird mit den vorhandenen politischen Eliten nicht gelingen.
Damit wäre uns erst einmal geholfen. Deutschland könnte so wieder zu seiner wirtschaftlichen Stärke und geopolitischen Souveränität finden. Für die langfristigen zivilisatorischen Probleme werden wir jedoch einen grundlegenden Wandel wagen müssen. Warum?
Es gibt dafür zwei Hauptgründe. Erstens haben uns unser bisheriges Denken, unser Selbstverständnis und unsere Kultur in den letzten 20 Jahren zur Hybris, zur verstärkten moralischen Katarakt und zur gesellschaftlichen Anämie geführt. Deshalb brauchen wir ein anderes Denken und ein anderes Selbstverständnis, was im Ergebnis auch unsere Kultur verändern wird. Zweitens bewirkt unser bisheriges Handeln im Rahmen unseres wirtschaftlichen und politischen Systems ökologische Zerstörung und Kriege.
Da es eines ziemlich dicken Buches („Redesigning Civilization“) bedurfte, um diesen Wandel zu erklären und zu beschreiben, werde ich in diesem kurzen Text nicht versuchen, dieses komplexe Thema zu behandeln. Im „Blog für den Neuen Westen“ gibt es übrigens auch Texte, die sich mit den beiden Schwerpunkten Umdenken und systemischer Umbau befassen. In diesem Artikel möchte ich nur auf einen Aspekt hinweisen, der mir bei dem aktuellen Angriffskrieg der USA und Israels auf den Iran sowie Israels auf den Libanon besonders deutlich geworden ist.
Wer nur die bequemen Wege geht, kommt nur so weit und in die Richtung, die andere vorgegeben haben. Um langfristig erfolgreich zu sein, muss man dagegen bei jedem Schritt wachsam, vernünftig und anständig entscheiden, wohin man geht. Das nennt man Souveränität. Vernunft impliziert Sachlichkeit, Nüchternheit und das Verständnis des Systems, in dem man agiert, insbesondere in komplexen Entscheidungssituationen. Anstand bedeutet, dass Entscheider und ihre politische Basis nicht ausschließlich eigennützig handeln und die Gesellschaft moralische Werte als immerwährend und die Wahrheit als wahr anerkennt.
Der Iran zeigt der Welt, dass ein Land seinen eigenen Weg verteidigen kann – selbst gegen die militärische und politische Übermacht der USA.
Nach 25 Jahren eines brutalen Regimes – von dem von der CIA und dem MI6 vorbereiteten Sturz der demokratisch gewählten Regierung unter Mohammad Mossadegh bis zur Revolution im Jahr 1979 – haben die Iraner das Schicksal ihres Landes in die eigenen Hände genommen. Alle Revolutionen begehen auch Fehler und rufen Gewalt hervor – so auch die Islamische Revolution. Bei dem Machtkampf in den ersten Jahren nach der Revolution handelte die stärkste religiöse Fraktion, die von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wurde, oft brutal. Diese Entwicklungen sind bedauerlich. Wenn man sie jedoch verstehen will, darf man nicht vergessen, dass sie unter der Last vorausgegangener Erfahrungen und dem Druck von außen entstanden sind.
Den starken sozialen Zusammenhalt und die Entschlossenheit des heutigen Iran, sich fremder Einmischung zu widersetzen, kann man nur verstehen, wenn man Werte in die Betrachtung einbezieht. Der Iran ist das einzige Land, das die Rechte der Palästinenser nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten konsequent und unnachgiebig unterstützt. Die Iraner handeln so, obwohl ihr Leben entscheidend einfacher wäre, wenn sie, wie alle anderen Länder auch, wegschauen würden. Die Palästinenser sind Sunniten, nicht Schiiten wie die Iraner. Und trotzdem nahmen die Iraner die Nachteile in Kauf.
Die kompromisslose Unterstützung der Palästinenser durch den Iran ist darauf zurückzuführen, dass die iranische Gesellschaft Moral und religiös begründete Werte als Teil ihres Selbstverständnisses und als Grundlage ihres Staatswesens betrachtet. Gerechtigkeit war ein Grundsatz der Islamischen Revolution und ist bis heute eines der Staatsziele. Es ist dasselbe Gerechtigkeitsempfinden, das den Iranern heute hilft, große Opfer zu bringen, um der Aggression der Amerikaner und Israelis zu widerstehen.
Wenn man Werte selektiv anwendet oder auf den Kopf stellt, wenn es politisch passt, tötet man die Moral. Wenn man einzelne Fakten herauspickt und andere verschweigt, stirbt die Wahrheit. Eine vitale, gesunde Gesellschaft kann jedoch nur auf Moral und Wahrheit aufgebaut werden. Die Rückbesinnung auf Moral und Wahrheit wäre für mich der allererste Schritt, den wir in Deutschland machen müssen.
Eine starke Gesellschaft und eine vitale Kultur setzen moralisches Rückgrat und eine an Fakten orientierte Reflexion statt manipulierter Narrative voraus.
Seit Jahrzehnten zeigen die Iraner Rückgrat gegenüber dem amerikanischen Hegemon. Sie haben sich klug und konsequent auf einen Krieg mit ihm vorbereitet und zwingen ihn nun in die Knie. Dabei offenbart der Hegemon der gesamten Welt seine ganze Rücksichtlosigkeit und Hässlichkeit. Glücklicherweise stellt sich gleichzeitig heraus, dass seine Macht begrenzt ist. Das wird die Welt verändern.
Diese Veränderung wird nicht nur die internationalen wirtschaftlichen und politischen Regeln ändern. Sie bietet uns die Chance, Deutschland neu zu erfinden: als wirklich souveränes Land mit einer wiedererstarkten Gesellschaft. Diese Chance sollten wir unbedingt ergreifen. Vielleicht werden wir uns eines Tages sogar bei den Iranern dafür bedanken.
Alan P. Stern ist ein Systemdenker und praktischer Philosoph. Akademisch in naturwissenschaftlichen wie auch in praktisch-wirtschaftlichen Fächern ausgebildet, arbeitete er als Manager und Unternehmensberater.
Im Jahr 2019 erschien sein Buch „Redesigning Civilization; wie erschaffen wir die westliche Zivilisation neu?“





























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